Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

 Wilhelmshaven

 

Das Wilhelmshavener Tageblatt berichtet in der Ausgabe vom 15.Juni 1881:
Wilhelmshaven, 14. Juni. Heute Nacht ist der französische Vergnügungs-dampfer "St. Michel",   Besitzer Mr. Ollive, mit einigen Passagieren hier eingelaufen und vor den Moolen geankert.

 

Dieser Hafen, ausschließlich für das Militär bestimmt, der an der Westseite der Bucht liegt, ist durch Tore ohne Schleusen verschlossen, die man bei Flut öffnet, um die Schiffe ein- und auslaufen zu lassen. Nun wussten wir nicht so recht, welchen Empfang uns die örtlichen Behörden bereiten würden und ob sie die Einfahrt eines französischen Seefahrzeuges in den Hafen bewilligen würden.

 

Man wird sich vielleicht darüber erstaunen, dass wir[16] den Wunsch gehabt haben, einige Orte an der deutschen Küste und gerade den Hafen von Wilhelmshaven zu besichtigen. Aber wir gehören zu denen die meinen, dass es bei fremden Völkern - seien sie Freunde oder Feinde - viel zu erfahren gibt. Was übrigens Deutschland betrifft, so hatte unsere Partei vor, die Zurückhaltung zu wahren, die die Umstände geboten.

 

Dienstag, 14. (Juni)

Habe mir den Hafeneingang von Wilhelmshaven angeschaut. Um 8 Uhr morgens bin ich an Land gegangen - bin beim Admiralgouverneur gewesen. Eine lange Straße dahin.

Wir haben die Genehmigung erteilt bekommen, in den Hafen einzulaufen. Dazu haben wir für 3 Mark (die Mark = 1 Schilling) einen Lotsen genommen. Einfahrt. Ein Wettbewerb um Seemannsknoten am Mittag. Die St. Michel wurde zum Kai verholt.

 

 

Um acht Uhr morgens,- am 14. Juni, - stiegen mein Bruder und ich hinab an Land um die erforderlichen Schritte zu unternehmen. Ein Herr in Uniform, wie alle die, mit irgendeinem Amtstitel ausgestattet, einer Regierungsstelle Geltung verschaffen, nahm uns in Empfang und verwies uns an Seine Exzellenz den Admiralgouverneur von Wilhelmshaven, der zwei Kilometer von dort entfernt wohnt.

 

(Abb. Stationsgebäude aus Sammlung Krauth).

Eskortiert von einer stocksteifen Ordonnanz machten wir uns mit zügigen Schritten auf den Weg zum Amtspalast des Gouvernements. Der Admiral ließ uns mitteilen, dass er uns nicht vor zehn Uhr empfangen könne. Auf unsere beharrliche Bitte hin, um nicht die Stunde der Flut zu verpassen, erlangten wir einen schriftlichen Befehl für den Hafenkapitän, Herrn Möller, nach dem wir uns unverzüglich auf die Suche machten, begleitet von einer zweiten Ordonnanz, die noch steifer als die erste war.

 

Nach einer halbstündigen Suche war da endlich der Kapitän Möller, in Uniform, den Säbel an der Seite. Unsere Ordonnanz geht forsch auf ihn zu, stoppt drei Schritte vor ihm, regungslos, die Fersen geschlossen, die linke Hand am Käppi, reicht er mit der rechten Hand dem Kapitän die schriftliche Order des Admirals.

 

Wenn ich auf diesen Einzelheiten beharre, dann deswegen, weil sie eine der eigentümlichen Seiten des Militärwesens dieses Landes aufzeigen. Alle diese Bewegungen wurden automatisch ausgeführt, mit einer vollkommenen Korrektheit, die zeigt, in welchem Ausmaß die Disziplinvorschriften und die Achtung vor dem Vorgesetzten dem Geist des Untergebenen eingeprägt sind. Ich werde nie diesen regungslosen Soldaten vergessen, der auf einen Wink seines Oberhauptes wartet um seine Haltung zu lockern, und danach eine Respekthaltung zu wahren.

Solche Empfindungen bestehen auf allen Stufen der Rangordnungsleiter der deutschen Armee[17]. (Wir haben sie überall angefunden. Das ist für das deutsche Reich eine ungeheure Macht; alles ist dort militarisiert und wenn die Disziplin eisern ist, so sind auch die Charaktere gut genug gestählt, um sich daran anzupassen.

 

Jedesmal, wenn wir auf dieser Reise einem marschierenden Trupp deutscher Soldaten begegneten, waren wir von deren Haltung befremdet. Eine schlichte aufziehende Wache defiliert als sei sie auf der Parade. Die Handhabung der Waffen vollzieht sich mit ebenso großer Einheitlichkeit wie bei einer Truppeninspektion. Es ist ein kennzeichnendes Merkmal dieser Organisation, dass sie dem Soldaten in jedem Augenblick die strikte Befolgung der Dienstvorschriften abverlangt. Nachlässigkeit und Laxheit können die engen Maschen dieser unbeugsamen Disziplin nicht durchdringen und der Mann wird so in einem Geist des absoluten Gehorsams gehalten, den die Führer später im Augenblick des Kampfes vorfinden und der die deutsche Armee zu einer sehr furchterregenden Kriegsmaschine macht.)

 

Kapitän Möller bewilligte sofort das Einlaufen in den Hafen; Befehle wurden ausgegeben und binnen einer Stunde hatte die Saint-Michel im ersten Hafenbecken festgemacht.

Die Hafenstadt Wilhelmshaven ist eine ganz neue Gründung; Sie besteht seit fünfzehn Jahren, das heißt seit dem Zeitabschnitt in dem die Einverleibung Schleswig-Holsteins in Preußen vollzogen wurde.[18] Es ist die einzige militärische Einrichtung, die Deutschland an der Nordsee besitzt. Überdies ist es Gegenstand beträchtlicher Arbeiten, die es in kurzer Zeit zu einer Festung ersten Ranges machen werden. Ihre Lage im hinteren Grund des Jadebusens bietet ihr Deckung vor einem Bombardement von See.

 

Außer den Befestigungsanlagen, die sie bis zur Mündung der Bucht beschützen, hat sie eine sehr wirksame natürliche Verteidigung durch die Bucht selbst, die für eine feindliche Flotte unpassierbar wird, wenn einmal die Betonnung entfernt wurde.

Die Fahrrinne ist windungsreich, die Strömungen sehr schnell, und falls die Kanonenboote versuchen würden, die Bucht hinaufzufahren, würden sie sich einem sehr heftigen Geschützfeuer ausgesetzt finden, aus kurzer Entfernung, das von den zahlreichen großkalibrigen Batterien ausgeht, die die Durchfahrten beherrschen, unbeschadet der Wirkung der Torpedos.

 

Im Augenblick hat der Hafen nur eine Einfahrt; aber in zwei Jahren wird er eine zweite haben, an der man Tag und Nacht arbeitet und die die Schiffsbewegungen beträchtlich erleichtern wird.

Er hat zwei Becken, den Vorhafen, in welchem die Saint-Michel liegt, und den eigentlichen Kriegshafen, in dessen Hintergrund sich Werkstätten erheben, Bauwerften sichtbar werden und Trockendocks auftun. Dies ist nicht öffentlich und Fremde werden nur mit einer schriftlichen Anordnung des Gouverneurs zugelassen.

 

 

 

Wir wünschten sehr, diesen vorbehaltenen Teil zu besichtigen. Daher kehrten wir gegen zwei Uhr zum Amtsgebäude des Gouvernements zurück, um die absolut unentbehrliche Genehmigung zu erlangen.

Da der Vize-Admiral-Gouverneur abwesend war, richteten wir unser Gesuch an den stellvertretenden Gouverneur, den Konteradmiral Berger. Dieser Flaggoffizier beeilte sich, uns zu empfangen. Er teilte uns mit, dass er sich darüber freue, eine französische Yacht den großen deutschen Militärhafen besuchen zu sehen und entschuldigte sich dafür, dass er uns am Morgen nicht habe in Empfang nehmen können.

Diese Aufnahme ließ uns ein gutes Ergebnis unseres Ersuchens vorhersagen; aber als wir zu diesem heiklen Punkt kamen erklärte uns der Admiral, dass er die Eintrittsgenehmigung in das Arsenal nicht bewilligen könne, ohne telegraphisch in Berlin darüber Bericht zu erstatten, - was er uns anbot noch im selben Augenblick zu tun. Wir lehnten sein Anerbieten mit Dank ab. "Aber kann man nicht, wenn das Arsenal nicht geht, die Schulfregatte für die Kanoniermatrosen, die Mars, besichtigen, die im Vorhafen festgemacht hat?"

"Oh! das sehr gerne", antwortete der Admiral. "Ich werde Ihnen meine Karte überreichen, die Sie zusammen mit den Ihrigen dem diensthabenden Offizier zukommen lassen, und ich zweifle nicht daran, dass Sie dann gut empfangen werden. Sie werden die modernsten Marinegeschütze sehen, und ich empfehle Ihnen besonders das 24-Zentimetergeschütz, mit dem wir uns schmeicheln alle Panzerungen, welche es auch immer gibt, noch in achthundert Metern Entfernung zu durchbrechen."

Darauf grüssten wir Seine Exzellenz und kamen eine Viertelstunde später vor der Fregatte Mars an.

 Dienstag, 14. Juni (Fortsetzung):

Wir haben eine Stadtbesichtigung gemacht. Ich bin auf dem Postamt gewesen. Wir ersuchten darum, eine Schiffswerkstatt besichtigen zu dürfen. Der Admiral empfing uns. Er beschied unsere Bitte um Besichtigung einer Werkstatt abschlägig. Darauf machten wir einen Spaziergang. Wir haben die Fregatte Mars besichtigt, eine Artillerieschule. Dort haben wir uns die Kanonen von Krupp angeschaut. Der zweite (Kapitän) und die Offiziere kümmerten sich um uns - es gab Wein und Zigarren.

 

 

 


(Die Mars): Diese ungepanzerte Fregatte aus Eisen ist von ziemlich plumper Bauart; aber sie passt sehr gut zu ihrem Zweck. Die Batterie ist aufgerichtet und setzt sich aus allen Kalibern zusammen, die gegenwärtig im Gebrauch der deutschen Marine sind, von der 8-Zentimeter Krupp bis zur Krupp 24-Zentimeter, dem Geschütz von dem uns Admiral Berger erzählt hatte.

Bei der Ankunft an Bord werden wir vom Fregattenkapitän, dem zweiten Kommandanten, empfangen, der unsere Sprache, von der er alle Feinheiten zu kennen scheint, ausgezeichnet beherrscht. Er stellt sich uns zur Verfügung und lässt uns sein Schiff mit größter Zuvorkommenheit in Augenschein nehmen. Die 24er Krupp zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wie alle Kanonen, die die Fabrik in Essen verlassen, ist sie aus Gussstahl, zweifellos verstärkt mit schmiedeeisernen Ringen. Denn damit sein Geschoss alle Panzerungen auf achthundert Meter durchschlagen können soll, muss es mit einer wirklich überragenden Anfangsgeschwindigkeit in Bewegung gesetzt werden, und diese Geschwindigkeit lässt sich nur durch eine Pulverladung erreichen, die relativ ansehnlich ist.

 

Unser Besuch ging in der Achtermesse zu Ende, wo sich einige Deckoffiziere eingefunden hatten, denen der zweite Kapitän uns vorstellte. Alle sprachen geläufig englisch und französisch. Sie unterhielten sich mit uns über einen Unfall, der sich kürzlich an Bord ihrer Fregatte

ereignete: eine Granate war in dem Augenblick geplatzt, als man sie in das Kanonenrohr laden wollte; acht Mann wurden getötet, ohne das Dutzend Verletzter mitzurechnen. Eine Krupp-Kanone verursachte ebenfalls eine Explosion an Bord eines anderen Kriegsschiffes und verursachte dort verheerendes Unglück. Die Offiziere sprachen darüber vor allen Leuten ohne sich darum zu bemühen, ihr Wissen zu verheimlichen. Sie hätten noch hinzufügen können, dass eines ihrer gepanzerten Küstenwachtschiffe kürzlich beinahe senkrecht versunken wäre, als es sich durch ein falsches Manöver am Damm der Einfahrt zum Kieler Arsenal ein Leck aufriss, - ein Unfall von dem sich keine Spur in den Zeitungen fand.

 

Der Dienst für die Offiziere an Bord der Mars, ist, so scheint es, sehr hart. Die Mannschaft wird alle zwei Monate völlig ausgewechselt, um die größtmögliche Anzahl Matrosen in der Bedienung des Geschützes zu üben. Während die Fregatte im Hafen liegt, kommandiert man eine Mannschaft ab an Bord eines angegliederten Kanonenbootes, um auf eine Zielscheibe auf der Reede zu schiessen. Darüber hinaus, so stellen wir fest, wird in Wilhelmshaven sehr viel Pulver verfeuert. Jeden Tag werden die Matrosen und die Truppen der Marineartillerie zu Schiessübungen ausgeschickt, denen man hier mit Recht eine große Wichtigkeit beimisst.

 

Gegen vier Uhr verabschiedeten wir uns, nachdem wir dem zweiten Kommandanten und den Offizieren der Fregatte unseren Dank abgestattet hatten.

 Dienstag, 14. Juni (Fortsetzung):

Zum Diner sind wir auf die St. Michel zurückgekehrt. Großer Menschenauflauf vor der Yacht. Am Abend haben wir noch einen Spaziergang in der Stadt gemacht. Um 9 Uhr habe ich mich schlafen gelegt.

 

 

Das Wilhelmshavener Tageblatt vom 16. Juni 1881 schrieb mit Berichtsdatum Vortag über Vernes Besuch:

Wilhelmshaven, 15. Juni. Der gestern hier eingetroffene und jetzt im Vorhafen liegende kleine französische Vergnügungsdampfer "St. Michel" führte uns einen recht interessanten Gast zu, nämlich den in seinem Vaterlande berühmt gewordenen französischen Verfasser zahlreicher populär-wissenschaftlicher Romane, den Schriftsteller Jules Verne, der auch bei uns durch seine eigenartige neue Gattung von Romanen naturwissenschaftlich-romantisch-phantastischen Inhalts, weit bekannt geworden ist.

Das Schiff kommt aus der Heimat des Schriftstellers, aus der

 

Departementshauptstadt Nantes an der unteren Loire und war zuletzt Rotterdam angelaufen. Es führt nur einige französische Vergnügungsreisende mit sich, die jedoch großes Interesse für unsere Kriegshafenstadt bekundeten und besonders auch den heute vom Fort Heppens aus beginnenden Schießübungen nach See ihre Aufmerksamkeit widmeten.

Herr Jules Verne gibt als Zweck seiner Reise eine Vergnügungstour nach Dänemark, Schweden und Norwegen an. Der nächste Hafen, den die Touristen anlaufen werden, wird Hamburg sein; die Abfahrt soll morgen erfolgen."


 


 

[16] als Franzosen

[17] gegenüber den höherstehenden Chargierten

[18] Am 17. Juli 1881, also kurz nach dem Besuch der Saint-Michel, beging Wilhelmshaven den 12. Jahrestag seiner Namensgebung. Es war in den Jahren 1853-69 als preußischer Kriegshafen angelegt worden. Schleswig-Holstein wurde 1866, d.h. fünfzehn Jahre davor, preußische Provinz.