Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

 Vorbereitungen zur Weiterreise

 Mittwoch, 15. Juni

Ich habe die Kriegsschiffe Falke und Gazelle gesehen. Bin um 7 1/2 Uhr aufgestanden.

An Bord erscheinen ein für die Torpedos zuständiger Korvettenkapitän, ein Ingenieur, dann der Graf von Roon. Sie weisen auf einen Kanal hin, der von Tönning nach Kiel führt. Die St. Michel und eine Korvette, die den Kanal passiert hat, werden vermessen. Die St. Michel ist von Bug bis Heck 32 Meter lang und mißt 36,50 Meter zusammen mit dem Klüverbaum.

 

 

Am nächsten Morgen stand die Saint-Michel unter Dampf, bereit aus dem Hafen auszulaufen und auf offener See sofort Hamburg anzusteuern, den Endpunkt unserer Reise. Wir trafen schon unsere letzten Vorbereitungen, als ein Schiffbau-Ingenieur an Bord kam, um die Yacht zu besichtigen; er fragte uns, wohin wir gehen wollten.

 

"Nach Hamburg", antwortete mein Bruder, "Wir sind viel zu spät dran, um noch in das baltische Meer[19] hineinzufahren, und es wäre nicht klug, es mit der Küste Jütlands aufzunehmen, die ja nicht sicher ist."

 

"Nun, warum fahren Sie nicht durch den Eiderkanal hinüber, der in die Reede der Bucht von Kiel mündet?" fuhr der Ingenieur fort. ,,Sie können es so vermeiden, die Reise um Dänemark herum zu machen und werden, nachdem sie eine hinreißende Landschaft durchquert haben, übermorgen im Baltischen Meer sein."

"Aber", sage ich, "besseres erwarten wir doch nicht. Nur, gibt es in diesem Kanal nicht mehrere Schleusen und ist die Saint-Michel nicht einen Tick zu lang, um dort hineinpassen zu können! "

"Das glaube ich nicht", erwiderte der Ingenieur, "übrigens ist es leicht, sich dessen zu vergewissern. Welche Länge hat Ihre Yacht?"

,,Sechsunddreißig Meter mit dem Klüverbaum."

"Das ist in der Tat etwas lang, meine Herren. Nichtsdestotrotz muss man sehen. Kommen Sie mit mir zum Hafenamt, wo man uns sehr genaue Auskünfte geben wird."

 

Unterwegs begegneten wir einem Korvettenkapitän, der für den Torpedodienst im Jadebusen verantwortlich war. Der Ingenieur weihte ihn in unser Vorhaben ein und fragte ihn, ob er es für durchführbar halte.

"Nichts einfacher als das", antwortete der Offizier (auf Französisch), ,,Lassen Sie uns, wenn Sie möchten, an Bord des kleinen Dampfers gehen, der gerade direkt aus Kiel hier ankommt. (Wir werden dort alle erforderlichen Angaben herausfinden.) Ich habe da hinten eine Dampfschaluppe klar zum Ablegen. Wenn Sie mich begleiten mögen, dann werden wir rasch die Abmessungen der Schleusen festgestellt haben."

Dieses zuvorkommende Angebot wurde angenommen und zehn Minuten später waren wir an Bord des Bootes, das die Reise von Kiel nach Wilhelmshaven durch den Eiderkanal gemacht hatte.

Als ich bemerkte, dass die Bauart des Dampfers fast genauso breit wie lang war, - eine Konstruktion, die offensichtlich an die Länge der Schleusen angepasst wurde- behielt ich wenig Hoffnung zurück. Es war für mich nicht anzuzweifeln, dass unsere Yacht länger als die Schleusenkammern des Kanals war.

 

Während ich meinem Bruder meine Befürchtungen mitteilte, hatten die Offiziere die Sonderkarten der Eider herbeischaffen lassen und maßen die Länge der Schleusen aus.

Nach einem ziemlich langen Wortwechsel mit dem Kapitän des Dampfers erklärte der Ingenieur, dass wir wahrscheinlich passieren könnten, aber dass man sich in Bezug auf die Restzweifel durch genaue Vermessung der Saint-Michel vergewissern könne. Danach legte die Dampfschaluppe wieder ab und wir kehrten in den Hafen zurück.

Beim Ausbooten trafen wir noch einen hochrangigen Offizier, dem der Ingenieur unsere Verlegenheit erklärt. Nach den üblichen persönlichen Vorstellungen teilt uns dieser Offizier mit: "Wir haben ja, meine Herren, ein sehr einfaches Mittel, um Ihre Zweifel auszuräumen. Hier liegt auch ein Kanonenboot, das von Kiel nach Wilhelmshaven durch den Kanal gekommen ist. Wir werden, wenn Sie gestatten, ihre Yacht von Spitze zu Spitze ausmessen, anschließend werden wir das Kanonenboot messen, und Sie wissen dann woran Sie sich zu halten haben".

 

Dies wurde auch gemacht; und einige Augenblicke später war die Saint-Michel äußerst genau mit einer Leine ausgemessen, von der Spitze des Klüverbaums bis zur Verzierung hinten am Heck; darauf begaben wir uns auf den Kai, neben dem das Kanonenboot festgemacht ist, das sich nach der Überprüfung als zwei Meter länger als die Saint-Michel, Klüverbaum inbegriffen, erwies.

 

Wenn wir uns auch von nun an unserer Sache ziemlich sicher glaubten, schickte mein Bruder dennoch aus übertriebener Vorsicht eine Depesche an den Kanaldirektor, in der er die genaue Länge der Yacht angab und ihn bat, uns in Tönning wissen zu lassen, ob die Passage machbar sei; dann kehrten wir, nachdem wir von den deutschen Offizieren Abschied genommen hatten, an Bord zurück.

Eine Stunde später stach die Saint-Michel nach Tönning, einem kleinen holsteinischen[20] Hafen, der an der Mündung der Eider liegt, in See.


[19] die Ostsee

[20] Hier liegt ein Irrtum vor: Tönning liegt auf der schleswigschen Seite der Eider.