Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 Über die Ostsee zum Öresund

Nachdem wir uns vierundzwanzig Stunden in Kiel aufgehalten hatten, segelten wir (gegen sechs Uhr) am Abend des 18. Juni ab, aber ohne einen Lotsen zu übernehmen, um nach Norden bis nach Kopenhagen hinaufzufahren. Kapitän Ollive hatte die Führung der Saint-Michel wieder übernommen und daraus folgte, dass Thomas Atkins aus der Rolle des "großen Nutzens" in die des "großen Unnutzens" wechselte. Wie ich Ihnen schon erklärte, beschäftigte er sich daher mit anderen Dingen als der Lotserei, oder vielmehr versuchte er, andere Dinge zu machen, allerdings ohne besonders Erfolg zu haben. Sein Seemannsblut und seine Liebe zum Beruf setzten sich wieder gegen seinen Willen durch. Er kümmerte sich um den Kurs, machte das Lot klar, holte das Logbrett ein, suchte den Horizont mit immer untrügbarem Auge ab, und bekam immer noch vor allen anderen die Leuchttürme und das Land in Sicht; und schließlich gab er dem Kapitän seinen Rat, der daraus Nutzen zog oder nicht, ganz nach seinem Belieben.

 

Die Seefahrt von Kiel nach Kopenhagen bietet keinerlei Schwierigkeit, verlangt aber in jedem Augenblick die volle Wachsamkeit; die dänischen Lande, ob Inseln oder Festland (Jütland)[36], sind in der Tat sehr niedrig gelegen und die Fahrrinne ist in bestimmten Abschnitten ziemlich schmal.

Diese Nacht wurde prächtig. Wir befanden uns jetzt in den längsten Tagen des Jahres und am sechsundfünfzigsten Grad[37] nördlicher Breite. Daher verschwand die Sonne erst sehr spät des Abends unter dem Horizont. Aber wie sie sich bitten ließ! Sie schien sich nur mit Bedauern von dem Himmel zu trennen, der von ihren Flammen erglänzte. Mit ein wenig Poesie verbunden mit einer gewissen Göttersage, hätte man glauben können, er, Phöbus, sei eifersüchtig auf seine Schwester Phöbe, die bleich und schüchtern am gegenüberliegenden Horizont emporstieg und seinen Untergang erwartete, um unumschränkt im tiefen Azur der Nacht zu herrschen.

 

Dann war der Himmel wie durch den Widerschein einer ungeheuren Feuersbrunst erglüht. Die lockeren Wolken, die dem Tagesgestirn das Geleit gaben, wurden so feurig rot, dass unsere Augen den Glanz kaum ertragen konnten. Das Meer wälzte geschmolzenes Gold hin und her. Inmitten dieser Verschwendung von Licht bildete eine einsame kleine schmollende Wolke, die ganz schwarz geblieben war, einen wahrhaft seltsamen Kontrast zu ihren leuchtenden Nachbarn: es schien als müsse sie nachsitzen. Ohne Zweifel hatte Phöbus Mitleid mit ihr, denn bevor er in den Fluten entschwand übergoss er sie mit seinen wärmsten Strahlen und sammelte lange noch auf ihr die letzten Spiegelungen einer Abendröte, die anscheinend nicht mehr enden konnte.

Der Mond hatte von jetzt an freies Feld, um die wenigen Stunden, die ihm die Sonne übriggelassen hatte, still zu genießen. Wir beobachteten, wie er langsam aufstieg, als ein Ausruf meines Bruders unsere Aufmerksamkeit ablenkte und Phoebe in den Hintergrund verbannte. "Ein Komet!" rief er, "seht den schönen Kometen!"[38]

Jeder drehte sich sofort um, und dort, einige Grad unter[39] dem Polarstern, genau auf dem unteren Meridian, bemerkten wir das prächtige Gestirn, das sein erstmaliges Erscheinen vor unseren entzückten Augen hatte. Unsere Überraschung war groß. Vor unserer Abreise hatte man zwar von einem Kometen gesprochen, aber die Astronomen waren bemüht, die schlichte Masse der Sterblichen zu warnen, dass sie ihn von unserer Erdhalbkugel nicht erblicken würden. War dies denn nun ein neues Gestirn oder machte sich der bereits angekündigte Komet über die Behauptungen unserer Gelehrten lustig?

Wie dem auch sei, wir bewunderten seit einigen Minuten seine elegante Form und die anmutige Biegung seines Schweifes, durch den man ihn von den Sternen unterscheidet, als plötzlich ein furchtbarer Lärm, wie von einem schwerbeladenen Lastkarren, kurz, irgendetwas Schreckliches, an unser Ohr drang! Eine Art Lawine schien sich auf das Deck der Yacht zu stürzen. Ich wollte, glaube ich, schon schreien: "Rette sich wer kann", als ich die Erklärung für die eigenartige Naturerscheinung hatte. Es war ganz einfach Thomas Atkins der herbeistürmte und brüllte: "The comet! the comet! What a fine comet!"

"Zu spät!", antworteten wir ihm als Leute die glücklich waren, unsere Revanche nehmen zu können, " zu spät, viel zu spät für einen "gentleman" der überdies gute Augen und ein so vortreffliches kleines Fernglas besitzt! Hängen Sie sich auf, braver Atkins, wir haben den Kometen vor Ihnen bemerkt!" Er hängte sich nicht auf, zog aber kläglich, mit hängenden Ohren ab, durch unseren Spott ein bisschen beleidigt. Bald hörte man ihn denn auch mit einer etwas jähzornigen Stimme ausrufen:

"Moses, ein Glas Aquavit, ...ordentlich voll!"

Dies "ordentlich voll" zeigt zunächst einen unverkennbaren Fortschritt in der französischen Sprache an, dann aber auch ein echtes Bedürfnis nach Tröstung, die denn auch unserem wackeren Lotsen seine gute Laune zurückgab.

Am folgenden Morgen, den 19. Juni um sieben Uhr, kam die Saint- Michel an der Einfahrt zum Sund an. Es herrschte völlige Windstille. Kein Windhauch, kein einziges Kräuseln auf der Oberfläche des Meeres. Hunderte von Möwen stießen im Tiefflug über das ruhig daliegende Wasser frohe Schreie aus. Zahlreiche Seeschiffe warteten vor Anker auf das Aufleben der Brise, um wieder Fahrt zu machen. Mehrere Dampfer, die den Horizont durch ihre langen Rauchfahnen mit Streifen versahen, zeigten die Annäherung an einen großen Handelshafen an.

 

Gegen zehn Uhr beginnt Kopenhagen aus dem dichten Nebel aufzutauchen, mit seinen Kirchtürmen, seinen Parks und den Mastbäumen der Schiffe, die in seinem Hafen vor Anker gegangen sind. Die Saint-Michel war davon noch zwischen zehn und zwölf Meilen entfernt.

An dieser Stelle misst der Sund nicht mehr als drei bis vier Faden Tiefe. Die großen Seeschiffe oder die Kriegsfahrzeuge, die von der Nordsee in die Ostsee, oder umgekehrt, kommen, können ihn nicht durchqueren; sie müssen um die Insel Seeland herumfahren und den Großen Belt oder den Kleinen Belt passieren.

 

Die See ist hier von solcher Klarheit, dass man leicht den Meeresgrund erkennen kann. Ganze Felder von Meeresalgen bilden einen Teppich aus dunklem Grün, von dem sich das hellere Grün der jungen Triebe kräftig abhebt. Nichts ist bezaubernder als, über die Reling gebeugt, den Wechsel des Lichtes auf dieser Unterwasser-Pflanzenwelt zu verfolgen, die je nach Tiefe des Meeresgrundes aufleuchtet oder sich verdüstert.

Bisweilen schnellt ein Fisch, durch das plötzliche Erscheinen unserer Yacht aufgeschreckt, aus seinem Schlupfwinkel und erleuchtet mit seinem silberweißen Glanz die dunklen Tiefen, in denen er eine Zuflucht sucht. Augenblicke lang scheint es gar, man habe hier so wenig Wasser unter dem Kiel des Schiffes, dass man glaubt möglicherweise ungewollt auf Grund zu laufen; aber das ist nichts als eine Sinnestäuschung, die durch die besondere Klarheit des Meeres erzeugt wird.

Derweil kommt die Yacht rasch an den Hafen heran; bald lässt sie die befestigten kleinen Inseln[40], die die Reede beschützen, sowie die flachen Geschützbatterien der Zitadelle Drei-Kronen (Tre Kroner) hinter sich. Nachdem die Saint-Michel mit ihrer Flagge die dänische Admiralsfregatte, die auf der Reede vor Anker lag, gegrüßt hatte, hatte sie gegen Mittag im Handelshafen gegenüber dem Arsenal festgemacht, inmitten zahlreicher mit Passagieren beladener Dampfer, die verschiedene Anlegestellen an den Küsten von Dänemark und Schweden bedienen.

 

 

Sonntag, 19. (Juni)

Um 3 Uhr bin ich wieder an Deck gestiegen. Nebel, der Signalton der Dampfpfeife, weiße Stille. Die Insel[1] unterhalb von Seeland kommt in Sicht. Die grünliche Steilküste. Um 10 Uhr sind wir auf der Reede von Kopenhagen angekommen. Das Boot lief über den mit Grün bedeckten Grund des Meeres, wir sind über eine ergrünte Wiese gefahren. Das Grün des grünen Strahls. Der Anblick von Kopenhagen. Die Erinnerungen sind da. Die Türme, die Kirchen. Am Eingang des Hafens haben wir einen Lotsen genommen. Die St. Michel ging im Vorhafen vor Anker. In der Nähe liegt die englische Dampfyacht Firefly, eine Goelette. Dann sind wir in den Hafen eingefahren und haben vor dem Kai festgemacht.

 

 

Die Kopenhagener Zeitung Berlingske Tidende berichtet am 20. Juni 1881 über den Vortag:

Französische Vergnügungsreisende. Gestern ist das französische Lustfahrzeug (Dampfschoner) Saint Michel, das von Kapitän Oliwe geführt wird, hier angelangt. Der Schoner gehört dem bekannten Physiker und Romanschriftsteller Jules Verne (Verfasser von "In 80 Tagen um die Erde" etc.). Es ist von Kiel mit dem Eigner und anderen französischen Vergnügungsreisenden

 

hierher gekommen und machte zwischen den Pfählen von Nyhavn fest. Die Gesellschaft hat Rotterdam besucht und u.a. auch Wilhelmshaven, wo sie Schießübungen der deutschen Kriegsschiffe beigewohnt hat. Ihr eigentliches Vorhaben ist eine Vergnügungsreise nach Dänemark, Schweden und Norwegen.

 

 


[36] Jütland wird im Ursprungstext von Paul Verne genannt.

[37] Der Hartleben-Übersetzer korrigierte zu: "Zwischen dem 54. und 55. Grade".

[38] Postma stellt fest: "Es handelt sich um den Kometen Tebbutt, dessen Erscheinen vom 22.5. bis 23.7.1881 auch die Sternwarten amtlicherseits bestätigten."

[39] Vgl. Sagot zur Stellung des Kometen

[40] dänisch: Holmen