Entstehungsgeschichte der deutschen Marine (K.Schultz)

Die Entstehungsgeschichte der deutschen Marine

Von Kapitän zur See a.D. Karl Schultz

 

Aus: Gadow, Eckart (Hrsg.) 1924: Die deutsche Marine in Vergangenheit und Gegenwart. Berlin: August Scherl, S. 7-12

 (Bearbeitet und neu herausgegeben von Friedemann Prose, Februar 2013)

 

Nach dem Niedergang der Hanse und des Deutschen Ritterordens sowie den verheerenden Zeiten des Dreißigjährigen Krieges kam fast die gesamte, von Deutschen bewohnte Küste der Nord- und Ostsee, von Dünkirchen bis Memel, unter die Oberhoheit fremder Fürsten oder sagte sich, wie Holland, von Kaiser und Reich los. Diese fremdherrliche Unterstellung der deutschen Küstengebiete und das geringe Interesse der deutschen Kaiser für den Norden des Deutschen Reiches haben es verhindert, dass in dem Zeitraum, in dem die großen Seemächte ihre Kriegsflotten entwickelten und die Erde verteilten, eine Zusammenfassung deutscher Seemacht in der Nord- und Ostsee vom Reiche versucht und durchgeführt wurde. Die Könige von Schweden, Dänemark, England und Polen, die die deutschen Küstengebiete durch Personalunion, als Lehnsherren oder auch fast unumschränkt regierten, hatten naturgemäß kein Interesse an der Bildung einer Kriegsmarine in diesen fremdstämmigen Teilen ihrer Reiche, die ja gleichzeitig unter der schwächlichen Oberhoheit des Deutschen Kaisers standen.

 

 

Durch die siegreichen Kämpfe des Großen Kurfürsten gegen die Schweden und durch seine kluge Politik und Tatkraft wurde sein Herzogtum Preußen von der Lehnshoheit der Könige von Schweden befreit und auch sein brandenburgisches Kurfürstentum durch den Erwerb Hinterpommerns zum Seeuferstaat der Ostsee. Weiter brachte ihm die Besetzung Emdens einen Nordseehafen. Unter seiner genialen Führung entstand die kurbrandenburgische Marine, die bald erfolgreich in den nördlichen Meeren und kolonisatorisch an den Küsten Afrikas tätig war. Aber der Kampf um die Existenz, den Brandenburg-Preußen dauernd gegen mächtige und habgierige kontinentale Nachbarn führen musste und der es zu immer größeren Landrüstungen zwang, lenkte die Aufmerksamkeit seiner Nachfolger wieder von der See ab. Von den übrigen deutschen Seeuferstaaten finden wir nur im Befreiungskrieg der Schleswig-Holsteiner eine kleine schleswig-holsteinische Kriegsmarine, die nach der unglücklichen Beendigung dieses Krieges wieder verkümmerte. Ebenso fand die kurze Verwirklichung einer deutschen Reichsflotte im Jahre 1852 ihren traurigen Abschluß, nachdem sich gezeigt hatte, dass die deutsche Zentralgewalt in Frankfurt a.M. sch nicht durchzusetzen vermochte.

 

Erst der jahrhundertelangen Arbeit der in Brandenburg-Preußen regierenden Fürsten aus dem Hohenzollernhause ist es in folgerichtiger, erfolgreicher Arbeit gelungen, die deutschen Küstengebiete der Nord- und Ostsee fast vollkommen wieder unter deutsche Herrschaft zu bringen und sie bis zum Versailler Diktat unter ihrem Zepter zu vereinigen. Damit war endlich für eine große deutsche Kriegsmarine die notwendige Basis geschaffen. Wir sehen daher in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Preußen, welches seine Großmachtstellung in den napoleonischen Kriegen und im Wiener Kongreß in Europa gesichert und sein Küstengebiet über Vorpommern und Rügen ausgedehnt hatte, den Ausbau der in den ersten Anfängen stehenden königlich preußischen Marine ausführen, der von einer gleichzeitigen außerordentlichen Vergrößerung und Abrundung des preußischen Küstengebietes durch Schleswig-Holstein und Hannover begleitet wurde. Dieser Aufstieg fand seine Fortsetzung in der Norddeutschen Bundesmarine und machte Deutschland nach den großen Einheitskriegen des deutschen Volkes, auf der Höhe seiner Macht und seines Ansehens, durch die Kaiserliche Marine zur zweitgrößten Seemacht der Welt.-

 

Die eingehenden Arbeiten und Berechnungen über die Größe einer preußischen Flotte, über Werft- und Hafenanlagen, über personellen und materellen Bedarf, die seit 1817 die Archive des preußischen Kriegsministeriums füllten, hatten zwar den Bau des Kriegsschoners „Stralsund“ und die Übernahme der Korvette „Amazone“ und des Postdampfschiffes „Preußischer Adler“ durch das preußische Kriegsministerium veranlasst, weiter auch die grundlegenden Kabinettsorders über die zu führende preußische Kriegsflagge und die Uniform der Marineoffiziere und Mannschaften herbeigeführt, aber keine Weiterentwicklung gebracht. Erst die Blockade der preußischen Häfen durch das kleine Dänemark im Jahre 1848/49 und die Verluste und Klagen der preußischen Seestädte brachten die Erkenntnis, dass nur eine preußische Seemacht die preußischen Seeinteressen schützen könne, und damit den Anstoß zur Bildung einer preußischen Kriegsmarine.

 

 Im April des Jahres 1849 trat unter dem Vorsitz des Prinzen Adalbert von Preußen auf königlichen Befehl eine beratende Kommission zusammen, welcher die Aufgabe zugewiesen wurde, sich über die Verteidigung der Ostseeküste erforderlichen Maßregeln gutachtlich zu äußern. Diese Kommission hatte das große Ziel vor Augen, etwas Bleibendes zu schaffen. Wir sehen von diesem Zeitpunkt an, wie unter der Leitung des Prinzen Adalbert, der im Frühjahr 1849 zum Oberbefehlshaber enannt wurde, ein frischer Geist und großer Fleiß in die preußische Marine einzieht.

 

Schon im Jahre 1854 wurden die Küsten der Nord- und Ostsee in zwei Marinestationen eingeteilt und im Jahre 1857 aus dem Matrosen- und Werftkorps eine Matrosen – und Werftdivision gebildet. Die Gliederung des Seeoffizierkorps und des Deckoffizierpersonals wurde festgesetzt; Seedienst und Seewehrpflicht geregelt. Durch Einstellung von Offizieren der Handelsmarine und Kommandierung preußischer Seeoffiziere in die Marinen Englands und der Vereinigten Staaten sowie Heranziehung von schwedischen, holländischen, dänischen und englischen Seeoffizieren und Maschinisten wurde ein Stamm seemännischen und technischen Marinepersonals in der preußischen Marine erzogen.

 

Während die kurbrandenburgische Marine Pillau und Emden als Kriegs- und Ausrüstungshäfen benutzte, sehen wir die preußische Marine in den ersten Jahrzehnten in Stralsund und Danzig beheimatet.

Erst der Erwerb (Annexion, F.P.) von Kiel im Jahre 1864  gab der preußischen Marine einen strategisch günstig liegenden und von Natur glänzend geeigneten Hauptkriegshafen in der Ostsee, während im Jahre 1869 der künstlich hergestellte Hafen von Wilhelmshaven den so notwendigen Hauptkriegshafen der Nordsee brachte.

 

Die hauptsächlichste Fürsorge des Prinzen Adalbert war von Anfang an auf die Eroberung einer genügenden Zahl von kriegsbrauchbaren Schiffen gerichtet. Leider brachten die Kriege von 1864, 1866 und 1870/71 für die Marine nur kleinere Waffentaten, die zwar von dem guten Geist zeugten, der die Marine beseelte, aber neben den glänzenden Siegen des Heeres nicht genügten, um die Begeisterng des Volkes, dessen die Marine so sehr bedurfte, zu entfachen. Nachdem im Jahre 1865 ein Gesetzentwurf, betreffend die Bildung einer Flotte, am Widerstand der Kammer gescheitert war, kam im Jahre 1867 der erste, von allen gesetzgebenden Faktoren anerkannte Flottengründungsplan zustande. Die Durchführung dieses Planes wurde aber durch den Krieg 1870/71 unterbrochen.

 

Nach dem Kriege trat General von Stosch an die Spitze der Marine. Dieser kraftvolle Mann war ein harter Erzieher und glänzender Organisator. In zielbewusster Arbeit schuf er auf den vom Prinzen Adalbert gelegten Grundlagen einen festen Unterbau für die Weiterentwicklung der Kaiserlichen Marine. Durch den siegreichen Krieg waren der Marine neue große Aufgaben erwachsen, denen von Stosch im Flottengründungsplan von 1873 gerecht wurde. In zehnjähriger Arbeit führte er die Forderungen dieses Flottengründungsplanes durch. Er gab der Nordsee ein starkes Ausfallsgeschwader, welches eine Blockade verhindern konnte, und der Ostsee eine Verteidigung mit kleineren Schiffen. Die Möglichkeit einer enheitlichen Organisation für beide Meere sah er in der Erbauung des Nordostseekanals. Wenn dann in der Folgezeit unter seinem Nachfolger General von Caprivi ein Stillstand in der Entwicklung eintrat, so ist dies teils der Persönlichkeit dieses Chefs der Admiraltät, teils auch der großen Unsicherheit zuzuschreiben, die in diesem Übergangsstadium in der technischen Entwicklung des Marinewesens in allen Marinen vorlag. General von Caprivi fehlte ein bestimmtes Bauprogramm. Er nahm in der von ihm im Jahre 1883 vorgelegten Denkschrift eine abwartende Stellung im Weiterbau der Linienschiffe ein und forderte den Bau von 70 Torpedobooten. Erst mit der Grundsteinlegung des Nordostseekanals und der damit eintretenden Erweiterung der Aufgaben der Marine wurde im Jahre 1887 mit dem Bau von 10 Küstenpanzerschiffen begonnen.

 

Mit dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. im Jahre 1888 trat eine neue vielversprechende Zeit ein. Der Kaiser erkannte klar, dass die Flotte im letzten Jahrzehnt einen falschen Weg gegangen un dass Deutschlands schnell wachsende Seeinteressen eine weit größere maritime Machtentfaltung nötig machten. An die Spitze der Marine wurden von nun an Admirale gestellt. Ein frischer Geist und eine Hoffnungsfreudigkeit kehrten in die Marine ein. Schon der erste kommandierende Admiral Graf von Monts forderte den Bau von vier Linienschiffen. Im Jahre 1890 wurde die Insel Helgoland erworben und dadurch der Marine volle Handlungsfreiheit in dem wichtigsten Teil der deutschen Bucht vor dem Kriegshafen Wilhelmshaven und den deutschen Haupthäfen geschaffen. Die weitere Entwicklung stockte zunächst, aber die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und unsere Stellung in Europa wies mehr und mehr auf eine leistungsfähige Flotte hin, die unsere festländische Macht ergänzte und uns eine wirklich selbständige Weltstellung und weltpolitische Freiheit geben konnte.

 

 

Diese zu schaffen blieb dem im Jahre 1897 zum Staatssekretär des Reichsmarineamtes ernannten Konteradmiral Tirpitz vorbehalten. In klarer Erkenntnis, dass die Grundprinzipien des Seekrieges unwandelbar sind und dass man daher die Marineentwicklung auf ein bestimmtes Programm festlegen könne, entschloss sich Tirpitz zur Einbringung eines Flottengesetzes. Dem ersten Flottengesetz im Jahre 1898 wurde die taktische Gliederung der Flotte zugrunde gelegt und ein Doppelgeschwader von 17 Linienschiffen, 9 großen Kreuzern und 25 kleinen Kreuzern, außerdem eine Materialreserve von 2 Linienschiffen, 3 großen Kreuzern und 25 kleinen Kreuzern gefordert sowie durch Festlegung der Altersgrenze die rechtzeitige Erneuerung der Schiffe gesichert.

 

Hiermit hatte das kaiserliche Deutschland den ersten Schritt getan, der es aus der bisherigen Kontinentalmachtstellung heraus in die Reihe der größeren Seemächte führen musste. Das dauernde Interesse des Kaisers und einer Reihe tüchtiger Admirale sorgte dafür, dass der Geist der Führer, die auf den Kommandobücken, und der Leute, die hinter den Kanonen standen, dieser neu geschaffenen Flotte auch die Kraft verliehen, die sie wertvoll für die Verteidigung des Vaterlandes machen konnte.

 

Da im ersten Flottengesetz der Möglichkeit eines Seekrieges gegen große Seemächte noch nicht Rechnung getragen war, sah sich Tirpitz bald, durch die schnelle Entwicklung der deutschen Seeinteressen und die durch die große Konkurrenz der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt entstandene deutsch-englische Spannung, zu einem weiteren Schritt gezwungen. Er brachte ein zweites Flottengesetz ein, das eine Flotte vorsah, die es für den stärksten Gegner gefährlich machte, einen Kampf mit ihr zu wagen, ohne seine Vormachtstellung, auch im Falle eines Sieges in Frage zu stellen. Im Jahre 1900 wurde das zweite Flottengesetz vom Reichstag genehmigt.In ihm war die Verdoppelung der Schlachtflotte, die zur Verteidigung der heimischen Küsten bestimmt war, vorgesehen. Es folgte daher im Jahre 1906 eine Novelle, die den weiteren Ausbau und die Organisation der Auslandskreuzer gesetzlich festlegte, während im Jahre 1908 die Stabilisierung des Bautempos, die Erhöhung der Kampfkraft durch Verkürzung der Lebensdauer der durch den Dreadnoughtbau entwerteten Schiffe durchgeführt wurde.

 

Das deutsche Volk konnte auf dieser Linie weiterarbeiten, sich eine dauernde Wehrmacht zur See erhalten, die ihm seine politische Freiheit als Großmacht sicherstellte und seinen wirtschaftlichen und Seeinteressen entsprach.

 

Der von England seit Jahrhunderten geübten Politik des rückssichtslosen Niedertretens jedes großen Konkurrenten war durch Bildung einer deutschen Seemacht ein starkes Risiko entgegengesetzt, und die Möglichkeit, England von diesem traditionellen Schritt abzuhalten, schien fast erreicht. Der Weg war richtig. Er allein konnte zur Freiheit der Meere und des deutschen Volkes führen !

 

 

Dass dies nicht gelungen ist, ist der politischen Leitung des deutschen Volkes in den Entscheidungsjahren zuzuschreiben, die Männern übertragen wurde, die weder eine gesunde Bündnispolitik herbeiführten, noch sich auf den Gebrauch der starken deutschen Seemacht verstanden, sondern diese, trotz aller Warnungen von Tirpitz, fast ungenutzt absterben ließen.

 

 

 

Ein tragisches Schicksal hat das deutsche Volk gefesselt zu Boden geworfen, uns eines Teiles des deutschen Küstengebietes beraut und den deutschen Flottenbau vernichtet. In der gefährlichsten und angreifbarsten Lage, umgeben von den habgierigsten und mächtigsten Gromächten, wird das deutsche Volk im Kampf ums Dasein die alten Grundlagen deutscher Größe, die deutsche Wehrmacht wiederherstellen und mit der erstarkenden nationalen Kraft sich von dem Zwange und der Fronarbeit befreien müssen, damit die alte deutsche Freiheit und Schlagfertigkeit zu Wasser und zu Lande wiedergewonnen werden kann. Dann erst werden der deutsche Bürger, die deutsche Arbeit und die deutsche Kultur wieder vor den Raubgriffen der habgierigen ,feindlichen Großmächte geschützt sein.

 

 s.auch

Adalbertstraße, Pinasse usw bei

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