Kiel maritim: Abschiedsworte für H.A. Meyer

Abschiedsworte für Heinrich Adolph Meyer

des Albert Hänel, Forsteck (Kiel)

in: Erinnerungen an Dr. H.A. Meyer. Nach eigenen Aufzeichnungen.

Hamburg 1890. S. 119-124.

 

(ed. Dezember 2011 v. Friedemann Prose)

 

 

Am Sarge

 

Forsteck, den 2. Mai 1889.

Abschiedsworte des Dr. Albert Hänel

 

Heinrich Adolph Meyer ist gestorben, ist eingegangen zu dem stillen und schmerzlosen Frieden, den wir ihm nach den qualvollen Kämpfen der letzten Wochen und Tage gewünscht haben.

Wir, die Kieler Freunde des Entschlafenen, sind gekommen, um von ihm den letzten Abschied zu nehmen und sein Gedächtnis noch einmal gemeinsam zu feiern.

In Schmerz und Trauer freilich müssen wir den bittern Vorrang denen lassen, deren Haupt er war. Für sie reisst der Tod eine Lücke, die wir zur Genüge nicht ermessen und nicht würdigen können. Denn das Heiligthum der Familie hat der Entschlafene hoch und hehr gehalten. Aus seinem Munde, aus den Erinnerungen, die er noch in der letzten Zeit der Gesundheit niederschrieb, haben wir es erfahren, mit welcher rückhaltlosen Hingebung und Verehrung, mit welcher Liebe und Dankbarkeit weit über das Grab hinaus er an Denen hing, die ihm das Leben gaben und sein Glück haben. Wer so dachte und so empfand, der muss eine starke und zuverlässige Stütze gewesen sein für Alle, die auf ihn angewiesen waren, der muss die Fähigkeit und den Willen besessen haben, Hingebung und Verehrung, Liebe und Dankbarkeit bei den Seinigen zu erwecken in reichem Maasse. Und das hat er gethan. Ein echter Patriarch hat er Segen und gesicherten Bestand verbreitet über seine Familie bis in das entfernteste Glied.

Und wenn uns diese zu trösten der Beruf und die Kraft mangelt, so rufen wir ihnen doch bescheiden zu: Was Ihr fühlt, wir empfinden es nach; was Euch schmerzt, es thut uns wehe; was Ihr verliert, es ist auch unser Verlust !

Es ist ein seltener und besonderer Verlust. Denn er war ein seltener und besonderer Mann.

Was war es doch, was den Entschlafenen dieser Stadt Kiel und uns, den Freunden, von nun etwa fünfundzwanzig Jahren nahe und näher brachte ?

Es war die Wissenschaft ! Ihn, den Enkel und Sohn und fortsetzenden Erben des Hamburger Tischlers und Stockhändlers erfasste der Drang nach wissenschaftlichen Forschungen. Er richtete sie auf das Meer, auf die Kieler Bucht, an deren Rand er sterben sollte; auf die Ostsee, deren Spiegel er von hier erglänzen sah; auf das thierische Leben und seine Bedingungen und die physikalischen Eigenschaften, die sich in ihnen entfalteten. Und was er hierin bald allein, bald im Verein mit den hiesigen gelehrten Freunden leistete, welcher Werth den Untersuchungsmethoden, die er ersann, und den Ergebnissen, die er fand, beizumessen ist, darüber haben unparteiischere Richter, als wir es heute sind, gesprochen. Die philosphische Fakultät der Kieler Universität verlieh ihm alsbald die höchste Würde, die sie in Anerkennung wissenschaftlicher Verdienste zu verleihen vermag. Und die Kommission, die wesentlich auf seine Anregungen hin die Staatsregierung zur wissenschaftlichen Untersuchung der deutschen Meere einsetzte, hat ihn dauernd, bis zu seiner Erkrankung, zu ihrem Vorsitzenden erwählt.

Doch – es wäre ein grosser Irrthum, es hiesse die kernhafte Natur des Verstorbenen verkennen, wenn man annähme, dass es sich bei dem Allen um Zeitvertreib eines geist- und talentvollen Mannes gehandelt habe, der, lässig des ererbten Besitzes sich erfreuend, nun seine Musse auszufüllen trachtete. Nein – er stand auf dem festen Boden eines festen Lebensberufes und treuester Erfüllung nächster Pflichten. Er war und ist in allem Wechsel geblieben der Handels- und Fabrikherr von Hamburg. Als solcher hat er das überkommene väterliche Geschäft mit unermüdlichem Eifer, mit Geschick und dann auch mit Glück betrieben, hat er es erweitert und verbreitert und über alle drohenden Fährlichkeiten hinweggebracht, bis es zur vollen Höhe seiner Entwicklungsfähigkeit emporgehoben war. 

Man hat uns gesagt, dass sein unternehmender Sinn als einer der ersten und wirksamsten die Handelswege dort im Osten Afrikas eröffnet oder doch erweitert hat, deren Ausbau und Sicherung heute zu einer nationalen Aufgabe unserer Kolonialpolitik gemacht worden sind.

Wir wissen es, wie die wachsende Grösse seines Betriebes und die steigende Zahl seiner Arbeiter seinen Blick lenkte auf die sozialen Zustände der Arbeiterbevölkerung, auf die Bedingungen ihrer wirthschaftlichen, geistigen und sittlichen Hebung. Hier hat er mit dem ihm eigenen Geschick, einer Geschicklichkeit, die freilich ohne die stärkere Triebfeder echter und thatkräftiger Humanität unfruchtbar geblieben wäre, hier hat er zum Anfang und mit frühem Beispiel für eine jetzt mächtige Bewegung eingegriffen. Er hat für das Wohl seiner Arbeiter, für ihre Versorgung in den Fällen der Krankheit, des Unfalls, der Invalidität, des Alters, für ihre Wohnungsbedürfnisse, für ihre Bildung an Herz und Verstand Einrichtungen getroffen, die als mustergiltige anerkannt worden sind. Und über die engeren Grenzen seines eigenen Betriebes hinaus ist er, Hand in Hand mit seiner Lebensgefährtin, der eifrige und stetige Förderer aller Fortschritte gewesen, die in seiner Vaterstadt auf den Gebieten der Kindergärtnerei, des gewerblichen Schul- und Fortbildungswesens gemacht worden sind. 

Einem solchen Manne konnten auch die Geschicke und die Gestaltung des Staates, seiner Vaterstadt und unseres grossen Vaterlandes nicht ferne liegen. Er hat ihnen stetig und unverwandt nachgesonnen und hat in sie eingegriffen nach dem Maasse, das seiner allseitig beanspruchten Kraft übrig blieb. Schon in jungen Jahren, kaum wieder angelangt aus der freien Luft der grossen Republik jenseits des Meeres, war er Mitglied der verfassungsgebenden Versammlung für Hamburg. Und später in seinen reiferen Jahren, als das deutsche Reich begründet war, hat ihn hier ein schleswig-holsteinischer Wahlkreis zum Abgeordneten des deutschen Reichstages gewählt. 

Ferne sei es mir, die politischen Leidenschaften des Tages vor den ewigen Frieden dieser Bahre zu ziehen. Aber bezeugen darf ich es doch, was er auch uns, dem engen Kreise der feinsinnigen Männer gewesen ist; wie er zu den Grundsätzen, die wir bekennen, treu bis zum letzten Athemzug gestanden hat, unberührt von der Welle der mächtigen Tagesströmung. Und wenn es richtig ist, wie es richtig ist, dass jede Partei, heisse sie wie sie wolle, um ihres eigenen Bestandes und um ihrer eigenen Ehre willen Überzeugungstreue, Beharrlichkeit, Hingabe und Opferwilligkeit ehren und hochhalten muss, finden sie sich, wo sie wollen, so vereinigen wir uns Alle über jeden Unterschied der Partei hinweg in der Hochachtung und Ehrerbietung auch gegenüber dem politischen Manne.

Doch – mag der Entschlafene gewesen sein, was er gewesen ist, mag er geleistet haben, was er geleistet hat, Niemand unter uns wird je vergessen über den politischen und gemeinnützigen, geschäftlichen und wissenschaftlichen Mann – den Menschen, über sein Wollen, Wissen und Können – sein Herz. 

Hier auf diesen herrlichen Platz, mit dem freien offenen Sinne für die Schönheit der Natur und sie mit künstlerischem Sinn ergänzend und schmückend, hat er das Haus gebaut, das so lange ein Anziehungspunkt für uns werden sollte. Hier in diesen jetzt dunkeln Räumen ist er in glänzenden, frohen Festen und im vertrauteren Kreise der bewegende und belebende Mittelpunkt einer schönen, edeln, wohltuenden Geselligkeit gewesen. Hier hat er gewaltet: kindesfroh mit den Kindern, jugendfrisch mit der Jugend, die er nicht oft und nicht zahlreich genug um sich sehen konnte; ein gefälliger Weltmann mit den Frauen; stets offen für jedes ernstere und tiefere Gespräch über Wissenschaft und Kunst oder Politik oder was uns sonst bewegte; aber bequem und zugänglich auch für die täglichen Dinge des täglichen Lebens, die uns freuten oder drückten. 

Vor Allem – wenn es heisst:

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“

und wenn es weiter heisst:

„Dem Mensch´ ist Nichts so eigen, so wohl steht

ihm nichts an,

Als dass er Freundschaft zeigen und Treue halten

kann“

- wer war gütiger und hilfreicher, als er ? wer hat besser Freundschaft gezeigt und treuer Treue gehalten als er ?

 

Ich weiss es nicht; ich kenne ihn nicht. Ich sehe jetzt durch diese finstere Hülle hindurch nur ihn, sehe den leuchtenden  Aufschlag seines blauen Auges, das uns so klug und doch so vertrauenerweckend anblickte, das freundliche Gesicht, das uns Wohlwollen und Freundschaft entgegenlächelte, die warme weiche Hand, die sich uns hilfsbereit und wohlthätig entgegenstreckte. 

Das Alles ist dahin. Das Alles verzehrt die unerbittliche Flamme. – Aber mächtiger als die Natur ist der Christ, der lebensvoll auch in ihm waltete, der Christ, der in uns sein Bild vor dem Auge und vor der Seele lebendig erhalten wird, der uns sein Gedächtnis segnen lassen wird – so lange, bis wir selbst den letzten Tribut zollen, den er heute schon gezollt hat.

Und so lasst uns Abschied nehmen,

Heinrich Adolph Meyer !

Wir grüssen Dich zum letzten Mal.

Du braver, tüchtiger und rechtschaffener Mann, Du treuer, liebenswürdiger und geliebter Freund – lebe wohl !

Leicht sei Dir die Erde,

Sanft ruhe Deine Asche ! 

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Anmerkung: Albert Friedrich Hänel (10.06.1833-12.05.1918). Professor der Rechte in Kiel, Staatsrechtler. Als Kieler Stadtverordneter, Mitglied des preussischen Abgeordneten Hauses und des Reichstages ein bedeutender linkslibraler Politiker. Mitglid im Kunstverein Schleswig-Holstein. (Quelle: Kiel Lexikon, Wachholtz 2011)

Die Villa Forsteck, die H.A. Meyer erbauen liess, stand im heutigen Diederichsenpark. Ein Gedenkstein und eine Stele erinnern an das Haus.

Kiel maritim: Heinrich Adolph Meyer, Meeresforscher.