Kiel maritim: Heinrich Adolph Meyer, Meeresforscher.

Hamburger Fabrikant und Kieler Meeresforscher:

Kurzer Abriss der wissenschaftlichen Tätigkeit Heinrich Adolph Meyer´s

von Professor Gustav Karsten

in: Erinnerungen an Dr. H.A. Meyer. Nach eigenen Aufzeichnungen.

Hamburg 1890. S. 109-118.

 

(ed. Dezember 2011 v. Friedemann Prose)

 

Kann auch an dieser Stelle nicht auf die Einzelheiten der wissenschaftlichen Arbeiten H. A. Meyer's eingegangen werden, was einer Darstellung in Fachzeitschriften vorbehalten bleibt, * so möge es doch uns Freunden des Verstorbenen, K. Möbius und mir, gestattet sein, die Verdienste H. A. Meyer's um die Wissenschaft in allgemeinen Umrissen zu schildern.

Nach zwei verschiedenen Richtungen hat Meyer die Wissenschaft gefördert: durch zoologisch-biologische Forschungen und dann, im engen Zusammenhange mit diesen Untersuchungen stehend, durch Ermittlung der physikalischen Eigenschaften des Meerwassers, zunächst des der Ostsee.

Von den erstgenannten Forschungen giebt K. Möbius die folgende Schilderung:

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* Der eingehende Bericht über H.A. Meyer´s wissenschaftliche Arbeiten wird demnächst in den Schriften der „Kommission zur wissenschftlichen Untersuchung deutscher Meere erscheinen.

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Im Winter 1856-57 ging Meyer nach Nizza, um sich von anstrengenden Arbeiten zu erholen. Seine Frau begleitete ihn. Wie Beide auf früheren Reisen Farnkräuter, Algen und andre Pflanzen gesammelt hatten, so richtete sich Meyer in Nizza Aquarien ein, in denen er Seethiere hielt und zusammen mit E. Gräfe, einem Studirenden der Zoologie, der ihm in Zürich empfohlen worden war, eifrig untersuchte.

1858-59 liess er sich von K. Möbius, der damals Lehrer am Johanneum in Hamburg und Mitverwalter des dortigen Naturhistorischen Museums war, Vorträge über Zoologie halten.  Im Sommersemester 1859 war er in Kiel und hörte an der dortigen Universität Vorlesungen über Zoologie, Anatomie und Physik.

In dem in Düsternbrook am Meeresufer belegenen Hause, welches er mit seiner Frau bewohnte, stellte er Aquarien auf, in denen er Quallen und andere Thiere des Kieler Hafens hielt. Möbius, der ihn hier im Juli und August besuchte, fand in der Kieler Bucht viel mehr Thierarten, als man bis dahin als Bewohner der Ostsee kannte, und fasste daher den Plan, eine Fauna der deutschen Ost- und Nordsee zu schreiben. Als er Meyer dies Vorhaben mittheilte, bot dieser seine Beihilfe an, schlug aber vor, zunächst nur die Fauna der Kieler Bucht zu ermitteln und zu bearbeiten.

So wurden von Ostern 1860 an planmässige Untersuchungen der Thiere des Kieler Hafens in Angriff genommen, an denen bis zum Sommer 1861 Dr. E. Gräfe aus Zürich, dem Meyer die Ueberwachung seiner Aquarien in Hamburg übertragen hatte, eifrig Antheil nahm.  Als erste Frucht dieser Untersuchungen veröffentlichten Meyer und Möbius 1862 im Archiv für Naturgeschichte einen "Kurzen Ueberblick der in der Kieler Bucht beobachteten wirbellosen Thiere".  Diesem Ueberblick folgten 1865 und 1872zwei Folio-Bände der "Fauna der Kieler Bucht"; Band I: die Hinterkiemer oder Opisthobranchia mit 26 Tafeln, Band II: die Prosobranchia und Lamellibran mit 24Tafeln,  deren Herstellungskosten Meyer trug.

Ein höchst wichtiges Hilfsmittel für das Studium der Fauna der Kieler Bucht waren die Aquarien, welche Meyer in seinem an der Alster belegenen Hause in Hamburg hatte aufstellen und mit einem vortrefflichen Durchlüftungsapparat versehen lassen:  Sie ermöglichten, die Thiere, welche monatlich ein- bis zweimal von Kiel geholt wurden, längere Zeit lebend zu beobachten und nach dem Leben zu zeichnen.

Eine kleine Jacht, welche Meyer 1862 in Kiel bauen liess, erleichterte die faunistischen Untersuchungen ausserordentlich. Sie wurde nicht nur zu Fängen im Kieler Hafen wendet, sondern diente auch zu weiteren Fahrten in die Eckernförder und Flensburger Bucht, nach dem Swendburger Sunde, in den kleinen und grossen Belt und in das Kattegat bis nach Aarhuus, um das Thierleben in diesen benachbarten Gebieten kennen zu lernen.

Eine grössere Anzahl schöner Individuen der Lucernaria quadricornis Müll., welche im Swendburger Sunde gefangen und lebend nach Hamburg gebracht wurden, veranlassten Meyer zu vielen Versuchen über die Reproduktionsfähigkeit dieser Spezies, über deren Ergebnisse er der Versammlung deutscher Naturforscher  und Aerzte in Hannover im September 1866 eine Mittheilung machte. (Amtlicher Bericht über diese Versammlung, Seite 217.)

In Hamburg war Meyer Mitglied der Verwaltungskommission des Naturhistorischen Museums von 1859 bis 1868 und in drei verschiedenen Jahren deren Vorsitzender. Als einer der eifrigsten Mitbegründer des dortigen Zoologischen Gartens wurde er Mitglied des Verwaltungsraths der Zoologischen Gesellschaft, in welchem ihm 1860 bis 1863 das Präsidium übertragen wurde. Die Erbauung des grossartigen Hamburger Aquariums zur Haltung der Seethiere kam vorzugsweise auf seine Anregung zu Stande.

Nachdem Meyer im Frühjahr 1868 nach seiner schönen, von ihm geschaffenen Besitzung Forsteck bei Kiel übergesiedelt war, wurde er 1870 Mitbegründer und Vorsitzender der "Ministerial-Kommission zur wisenschaftlichen Untersuchung der deutschen Meere". Mit großem Eifer nahm er Theil an den Vorarbeiten und an der Ausführung der Expeditionen auf S.M.S. Pommerania zur Untersuchung der Ostsee im Sommer 1871 und der Nordsee 1872, auf welchen er die physikalischen Beobachtungen ausführte.

Eine von der genannten Kommission im Frühjahr 1874 vorgenommene Untersuchung der physikalischen Verhältnisse, der Flora und der Fauna der Schlei, wo laichende Heringe angetroffen wurden, gaben Meyer Anlass, in Forsteck den Einfluss verschiedener Temperaturen auf den Entwickelungsverlauf und das Wachsen des Herings zu studiren und seine Beobachtungen in der Schrift: "Beobachtungen über das Wachsthum des Herings im westlichen Theile der Ostsee", Berlin 1876, bekannt zu machen.

Die Erfahrung, dass die Entwickelung des Herings durch niedrige Wassertemperatur verlangsamt wird, führte ihn zu der Konstruktion eines durch Eis gekühlten Transportgefässes für Fischeier, welches auf der Fischereiausstellung zu Berln im Jahr 1880 grossen Beifall fand.-

Diesen Mittheilungen von Möbius über Meyer´s zoologisch-biologische Thätigkeit schliesse ich einige Bemerkungen über die andre Reihe von Meyer´s wissenschaftlichen Forschungen bezüglich der Eigenschaften des Meerwassers an, welche eine besondere Bedeutung dadurch gewonnen haben, dass sie in gewissen Beziehungen die Grundlage von Beobachtungsmethoden geworden sind, welche jetzt fast als internationale bezeichnet werden können.

Wie schon vorher erwähnt, hörte Meyer bei seinem ersten Aufenthalt in Kiel einige Vorlesungen an der Universität. Er hatte sich zu diesem Zwecke förmlich immatrikulieren lassen, und zwar hatte ich, da ich damals das Rektorat bekleidete, das Vergnügen, am 18. Mai 1859 ihn als Mitglied de Christiana Albertina aufzunehmen. Zoologie und Anatomie hörte Meyer bei Behn und studirte eifrig in den Sammlungen des Zoologischen Instituts. Daneben besuchte Meyer meine Vorlesungen über Physik, weil er sofort bei seinen faunistischen Untersuchungen erkannt hatte, welche Bedeutung für die Entwicklung des Thierlebens die physikalischen Lebensbedingungen haben.

Im Vorworte zum 1. Bande der Fauna der Kieler Bucht findet sich daher der Satz: "Sollte es möglich sein, die wahren Ursachen der Abweichungen, mit welchen sich Thiere einer Art in den verschiedenen Gegenden ausbilden, klar zu enthüllen, so gehören gewiss ausführliche Lokalfaunen, verbunden mit gründlicher Erforschung der physikalischen Verhältnisse ihres Gebietes, zu den wichtigsten Mittel, dieses Ziel zu erreichen."

Dieser Ansicht entsprechend sind denn auch in der Einleitung der genannten Schrift die damals bekannten Angaben über Salzgehalt, Wasserstände, Wärmeverhältnisse des Ostseewassers zusammengestellt. Zu eignen Beobachtungen kam damals Meyer nur in beschränktem Maasse, nämlich zu einem allerdings sehr wichtigen Anfange der täglichen Wärmebestimmung des Wassers in verschiedenen Tiefenschichten der Kieler Bucht für die Zeit vom 23. Juni 1863 bis zum 29. Juni 1864.

Die fortgesetzten faunistischen Untersuchungen in der Kieler Bucht zeigten, dass der Artenreichthum in derselben kein sich gleichbleibender ist, sondern in verschiedenen Jahren dem Wechsel unterliegt. Die früheren Beobachtungen über die physikalischen Verhältnisse der Bucht konnten nicht mehr genügend erscheinen, um den Zusammenhang derselben mit dem Auftreten der Thiere zu erkennen, vielmehr musste die Frage entstehen, ob etwa dem Wechsel in der Thierwelt auch bestimmte Aenderungen der physikalischen Verhältnisse des Wassers, namentlich des Salzgehaltes und der Temperatur entsprächen. Aus solchen Betrachtungen entstand bei Meyer der Entschluss zu systematischer Anstellung physikalischer Beobachtungen im Meerwasser, welche sich zuerst nur auf die Kieler Bucht beschränkten, sich dann aber allmählich auf ein grösseres Gebiet erstreckten. Das Ergebnis dieser Beobachtungen ist in einer 1871 erschienenen Schrift zusammengestellt, welche betitelt ist: "Untersuchungen über physikalische Verhältnisse des westlichen Theiles der Ostsee. Ein Beitrag zur Physik des Meeres von Dr. H.A. Meyer. *

Die Beobachtungen umfassen der Zeit nach die Jahre 1868 bis 1870 und beziehen sich auf 7 feste Beobachtungsstationen an den Küsten von Kiel bis nach Helsingör und zwei kleine Reisen in den Belten. Die Organisation und die Unterhaltung des ganzen Beobachtungssystems bestritt Meyer aus eigenen Mitteln.

Ohne auf die Einzelheiten einzugehen, kann die Bedeutsamkeit dieser Meyer´schen Arbeiten doch in wenigen Sätzen klar gestellt werden. Zunächst ergeben sie das wichtige Resultat, dass in dem untersuchten Meeresabschnitt ganz erhebliche, ich möchte sagen Witterungsunterschiede in den verschiedenen Jahren vorkommen, dass ähnlich wie in der Atmosphäre kein Jahr dem andern völlig gleicht, sondern Schwankungen in den Temperaturen und im Salzgehalte vorkommen, welche für die einzelnen Jahre und Jahresabschnitte bedeutende Grössen erlangen können.

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* Schwer´sche Buchhandlung, Kiel.

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Um diese wichtige Thatsache festzustellen, musste vor allen Dingen erst ein ganz neues Beobachtungsverfahren geschaffen werden, da aus den früheren Beobachtungen sicher vergleichbare numerische Werthe nicht zu gewinnen waren, dieselben aber besonders auch viel zu geringe Genauigkeit besassen, auch sich nicht auf verschiedene Tiefenschichten erstreckten.

Hier bethätigte nun Meyer eine glänzende organisatorische Begabung und experimentelle Geschicklichkeit. Die zur Messung des Salzgehaltes, zur Temperaturbestimmung in Tiefenschichten, zur Aufbringung des Wassers dienenden Schöpfapparate, die zur Messung der Strömungsrichtung bestimmten Instrumente wurden von Meyer in eigenartigen und zweckmäßigen Formen konstruirt. Zur Bestimmung des Salzgehaltes wurde die aräometrische Methode verwendet und von Meyer die Beziehung zwischen Salzgehalt und spezifischem Gewicht, letzteres unter Berücksichtigung der Temperatur, bestimmt.

Dabei waren die Instrumente so einfacher Art, dass ihre Benutzung den auf den Stationen angestellten ungeschulten Beobachtern keine Schwierigkeiten machte. Wenn später einige der Apparate verändert worden sind, so geschah dies theils nach Angaben von Meyer selbst, theils unter seiner Mitwirkung. Eine einfache Schöpfflasche und ein träges Thermometer mit Hartgummi-Umhüllung, beide für Messungen in mässigen Tiefen bis etwa 100 m bestimmt, sind noch heute im Gebrauch. Für grosse Tiefen hat dann Meyer einen vorzüglichen nach ihm benannten Schöpfapparat angegeben. Die zuerst benutzten Volumenärometer aus Messing sind durch gläserne Instrumente ersetzt worden, nachdem sich bei längeren Beobachtungen die schädliche Einwirkung des Seewassers auf das Messing herausgestellt hatte. Bei dem Uebergang zu den neuen Aräometern, welche jetzt in fast allen Staaten benutzt werden, in denen Untersuchungen des Meerwassers angeordnet sind, war Meyer wesentlich betheiligt.

Kurz, die ganze von Meyer eingerichtete Methode der Beobachtungen ist die Grundlage der physikalischen Meeresuntersuchungen geworden, welche zunächst auf die von der preussischen Regierung in Kiel eingesetzte wissenschaftliche Kommission zur Untersuchung deutscher Meere überging.

Die Einsetzung dieser Kommission, welcher die Aufgabe gestellt wurde, im Interesse der Seefischerei die wissenschaftlichen Grundlagen für Lebensbedingungen, Vorkommen und Verbreitung der Fische zu studiren, wurde durch die oben erwähnten Bemerkungen Meyer´s in dem ersten Bande seiner mit K. Möbius herausgegebenen Fauna der Kieler Bucht vorbereitet, wenn nicht veranlaßt.

Die wissenschaftliche Bedeutung dieses Werkes wurde auch von anderer Seite gewürdigt. Dasselbe war zum 200jährigen Jubiläum der Kieler Universität erschienen und wurde von dem Verfasser der Universität gewidmet. Die philosophische Fakultät in Kiel ernannte darauf Meyer im Jahre 1866 zu ihrem Ehrendoktor unter besonders anerkennenden Ausdrücken über das Werk und seine vorhergehende, der Förderung der Wissenschaft dienende Wirksamkeit.*

* Der betreffende Satz in dem Doktordiplom, welcher treffend Meyer´s Verdienste aufzählt, lautet:

qui acri industria infatigabili largitate eximia microcosmum animalium marinorum praecipue in receptaculis maris Baltici latentium perscrutatus, hortum zoologicum Hamburgensem aquariis magnificis ornari curavit, quique ut olim commilitonibus academiae Christiana- Albertinae adscriptus fuit, ita nuper eidem almae matri altero jam seculo defunctae, grates persolvit quod fruges studiorum splendissimas librum, quo faunam sinus Kiliensis docte accurat atque nitide descripserat, ad celebrandam pro sua parte sollemnitatem illi dedicavit.

In der 1869/70 eingesetzten Kommission bekleidete Meyer die Ehrenstellung des Vorsitzenden bis zum Jahre 1880. In diesem Jahre wünschte Meyer von der Kommission zurückzutreten, weil ein nothwendig gewordener längerer Aufenthalt in Hamburg es ihm unmöglich machte, sich regelmäßig an den Arbeiten der Kommission zu betheiligen. Ein Ausscheiden aus der Kommission fand nicht statt, da Meyer zum Ehrenmitgliede derselben ernannt wurde. Meyer verfolgte nicht nur stets mit lebhaftem Interesse die Thätigkeit der Kommission, sondern hat auch noch Einmal, für den 1884 veröffentlichten Bericht derselben, eine größere Abhandlung: "Periodische Schwankungen des Salzgehaltes im Oberflächenwasser der Ost- und Nordsee" geliefert.-

Ausser mit den oben von Möbius bereits erwähnten biologischen Untersuchungen beschäftigte sich Meyer mit physikalischen Beobachtungen. Hatte er nämlich auf der ersten Expedition die Leitung der physikalischen Arbeiten übernommen, so setzte er dies noch auf der zweiten Expedition, der Nordseefahrt, vom 21. Juli bis 9. September 1872, fort und veröffentlichte die Ergebnisse hierüber in dem 2. Und 3. Jahresbericht der Kommission (1875).

Die im Vorstehenden kurz geschilderte wissenschaftliche Thätigkeit Meyer´s wird genügen, um zu zeigen, dass wir in ihm das seltene Beispiel eines Mannes zu schätzen haben, welcher nach glänzenden Erfolgen in seinem Lebenslaufe als Kaufmann und Fabrikant sich noch einer zweiten Lebensaufgabe ganz zu widmen und in ihr vorzügliche Leistungen zu erzielen vermochte. Denn diese Leistungen, weit das Maass einer dilettantischen Nebenbeschäftigung überragend, sichern Meyer nicht nur ein Andenken bei den Freunden, die seine Arbeiten mit ihm theilten, sondern er hat durch dieselben seinen Namen in den Annalen der Wissenschaft dauernd verzeichnet.

G. KARSTEN

Anmerkung: Gustav Karsten (24.11.1820-15.03.1900). Professor für Physik und Mineralogie in Kiel, Rektor der Universität, 1845 Mitbegründer der Dt. Physikalischen Gesellschaft, 1855 mit Wilhelm Behn Gründung Naturwissenschaftlicher Verein für SH, 1870 Gründung Ministerialkommission zur wissenschaftlichen Untersuchung deutscher Meere. (Quelle: Kiel Lexikon, Wachholtz 2011)

Kiel maritim: Abschiedsworte für H.A. Meyer