Christian VII. Über des Königs Geisteskrankheit

Christian VII.

VII. Über des Königs Geisteskrankheit 

Aus:

Wittich, Karl (1879): STRUENSEE, Leipzig, Verlag von Veit & Comp.

S. 189 - 190

 

Bearbeitet und herausgegeben von Friedemann Prose (2013)

 

Vor uns liegt ein reiches Material von den mannigfachsten Beobachtern in Bezug auf Christian´s VII. durchweg nichtiges und elendes Treiben, seine albernen Beschäftigungen mit Hunden und mit Kindern, unter denen der in den Quellen hüfig genannte Negerknabe Moranti nebst einem kleinen Negermädchen die erst Rolle spielte, ferner in Bezug auf seine Launenhaftigkeit und den unberechenbaren Wechsel seiner Gemütsstimmungen.

Mit seiner gelegentlich noch schroff und trotzig hervortretenden Aufgeblasenheit kontrastierten mehr noch als früher sein überwiegend so apathisches Wesen, seine düstere Melancholie, seine verzweiflungsvolle Niedergeschlagenheit und mit dieser Erscheinung wieder die – meist plötzlichen – Zornausbrüche seiner grausamen Wildheit. Einige Berichterstatter weisen unter Anderm auch darauf hin, wie der geisteskranke Mensch bei besonderen Gelegenheiten, so namentlich beim Empfange fremder Gesandten in den noch zuweilen stattfindenden, unvermeidlichen öffentlichen Audienzen sich sehr wohl zusammennehmen, eine tadellose, den Anschein nach durchaus nicht vorher einstudierte Unterhaltung führen konnte, wie er aber schon im nächsten Moment die wider willig getragene Maske der Majestät von sich zu werfen und von Neuem die unwürdigsten Kapriolen zu begehen pflegte.

 

In erster Reihe...(s.u. Literaturangaben).

 

So viel auch die früheren beständigen Ausschweifungen Christian´s zur unaufhaltbaren Verschlimmerung seines Zustandes beigetragen hatten, so war ihnen doch eben durch diese Verschlimmerung, durch seine geistige und körperliche Erschlaffung bereits bei seiner Rückkehr von der grossen Reise aus London und Paris zu Anfang d. J. 1769 ein Ziel gesetzt worden; ohnehin würde der allmächtige Struensee keine Fortsetzung des vorhergegangenen wüsten Lebens geduldet haben. Von Christian´s „massloser Leidenschaft für die Weiber“, von dem „fou de coeur“ (s, oben S. 22 Anmer. 1) war seit jenem Zeitabschnitt  daher auch keine Rede weiter. Pathologisch merkwürdig blieb dagegen ein anderer Umstand, für welchen Reverdil S. 259 folgendes charakteristische Beispiel anführt:

„...D´ailleurs, il était fort éloigné de toute jalousie. Il m´a parlé deux fois de ce qui en aurait fait naître chez tout autre mari. Une fois il me dit que Struensée était le sigisbée de la reine. Une autre fois il me demanda si je croyais que le roi de Prusse couchât avec la reine Mathilde. « « Eh ! qui donc est le roi de Prusse ? lui dis-je. – C´est Struensée. » » Cette manière de le désigner me fit comprendre combien le favori lui imposait. Du reste il n´avait mis à cette question ni passion ni importance. »

Ja nach dem nämlichen Autor lag der Gleichgültigkeit des Königs in dieser Beziehung sogar von früher her eine Art Prinzip zu Grunde, wenn anders eine Erzählung Reverdil´s, die C.D. Biehl S. 456 mitteilt , authentisch ist. Danach hätte Christian schon als dreizehnjähriger Knabe geäussert, dass er seine zukünftige Frau für berechtigt halte, die gleiche Freiheit zu geniessen, die er selbst sich nehmen würde, und dass er niemals sich dadurch verletzt würde fühlen können. C.D. Biehl fügt hinzu: da Christian später zur Königin sagte, Struensee habe ihm nie etwas zuwider getan, so erhelle hieraus, dass er seinem Grundsatz vom „Rechte der Wiedervergeltung“ treu geblieben sei.

 

Anmerkungen zur Literatur:

In erster Linie verweise ich auch hier auf Reverdil – s.S. 247, 251, 255 ff., 260, 298, 299 -, den Landgrafen Karl von Hessen – S. 57 – und Dorothea Biehl, welche zu gleich über die Entstehung oder vielmehr über die Fortbildung des Wahnsinns, über die schon vor Struensee´s  Auftreten vorhandenen Ursachen der furchtbaren Nervenzerrüttung des Königs eigentümliche Aufschlüsse gibt – Hist. Tidsskr. III, Bd. Iv, S. 373, 389, 412 ff. -. S. ausserdem Molbech in Nyt. Hist. Tigsskr. IV, S. 707 und die Berichte von Suhm ebendas. S. 600, 707, 719, 720, sowie bei Schiern in Hist. Tidsskr. IV, Bd. II, S. 828, Anm. 3. Vgl. Authentische Aufklärungen S. 127 und aus der späteren  Zeit dieses noch bis zum Jahre 1808 vegetierenden Königs vornehmlich Roman, Mémoires historiques S. 45, Oehlenschläger´s Lebenserinnerungen IV, S. 81, Jessen- Tusch, - der auch sein Page gewesen war -, Zur Regierungsgeschichte Friedrich VI. S. 256 Anm.