Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881, Vorwort

 

 

Jules Verne´s Reise

 

zum Mittelpunkt der Nordens 1881

 

 

 

 

 

 

von Friedemann Prose

(Editor, Kiel 2012)

 

mit Unterstützung und Bearbeitung der e-Version durch Reimer Tonder (Husum)

Stand: 01. Oktober 2012

 

Vorwort

Der Titel dieses Beitrags stellt unverkennbar den Bezug zu einem Romantitel des französischen Schriftstellers Jules Verne (1828-1905) her. Viele Millionen Menschen in aller Welt kennen auch heute noch dessen außerordentliche Reisen mit Romanen wie z.B. Reise zum Mittelpunkt der Erde (1864) oder 20.000 Meilen unter den Meeren(1869) und deren spannende Verfilmungen. Wohl informiert über den aktuellen Stand der Wissenschaften seiner Zeit entwickelt Jules Verne auf ihrer Basis phantastische Welten. Wir bezeichnen dies heute oft als Science Fiction.

 

Weniger bekannt sind die Schriften des Autors, die anderen Genres zugehören. Darunter Liebesromane wie Der grüne Strahl(1882)  oder Ein Lotterielos (1886). Jules Verne reiste selbst sehr gern, oft zusammen mit seinem Bruder Paul. Er hat diese touristischen Unternehmungen  z.T. auch literarisch verarbeitet. Aus der Reise nach England und Schottland entstand das Buch Reise mit Hindernissen (1859/60).

 

Mit diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, die Reise vollständiger als bisher zu rekonstruieren, die Jules Verne zusammen mit seinem Bruder Paul im Jahre 1881 unternahm. Diese Reise ist durch einen im gleichen Jahre veröffentlichten Text von Paul Verne mit dem Titel Von Rotterdam nach Kopenhagen an Bord der Dampfyacht Saint Michel III bekannt geworden. Der Text war dem Amazonas-Roman Die Jangada (1881) von Jules Verne angehängt.

 

Jules Verne um 1880Über den Text dieses Buches hinaus werden für die Rekonstruktion bisher unveröffentlichte handschriftliche Aufzeichnungen von Jules Verne im Bordbuch der Saint Michel III, sowie u.a. Briefe von Jules und zeitgenössische Zeitungsberichte über den Autor und die Reise herangezogen.

Die zwölf handschriftlichen Seiten des Bordbuches sind mit einer Vergrößerungsmöglichkeit in die farbig unterlegten Felder mit dem in die deutsche Sprache übertragenen Text eingebaut. Falls die Leserinnen und Leser Fehler bei der Übertragung entdecken, bitten wir um Mitteilung.

Der Beitrag ist etwas für alle, die Sehnsucht nach dem Norden haben, besonders für Segler und Wassertouristen. Er fügt sich ein in eine Reihe von cruising Beschreibungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende. Die Dampfyacht Saint Michel III des Eigners Jules Verne, ihre Ausstattung, die Häfen, die Reiseroute über Seen, Flüsse, Kanäle und Meere werden anschaulich beschrieben. Ein Stück Segelromantik auf einer grossen Yacht. Das gehört in das Bücherbord eines jeden Skippers, wie z.B. auch The „Falcon“ on the Baltic von E.F. Knight (1889) oder An Inland Voyage von Robert Louis Stevenson (1908).

 

Die hier beschriebene wahrhaft nordeuropäische Reise ist aber auch eine Reise von französischen Bildungsbürgern von einer Kulturmetropole zur anderen. Die Gemäldesammlungen von Rotterdam, Haag und Amsterdam tauchen vor unserem Auge auf, als habe Murray´s Handbook for Travellers in Holland and Belgium, twentieth Edition aus dem Jahre 1881, die Reisenden geleitet. Auch die Beschreibung und Wanderung zu den Kunstschätzen Kopenhagens könnte Murray´s und jeden anderen zeitgenössischen Reiseführer ersetzen.

 

1881 befindet sich Europa in einer Zeit des politischen Umbruchs. Als Jules Verne zusammen mit zwei Freunden zwanzig Jahre zuvor seine erste Skandinavienreise (Kiel maritim: Jules Verne´s Sommer 1861) unternahm, fuhr er durch das Herzogtum Lauenburg und dann über Schweden, Norwegen und Kopenhagen kommend auch über Kiel nach Altona. Er bewegte sich dabei auf dem Gebiet des dänischen Gesamtstaates. Inzwischen hatte Preußen als Ergebnis der Auseinandersetzungen mit Dänemark um Schleswig und Holstein die Gebiete annektiert.

 

Der mit Erbitterung geführte deutsch-französische Krieg hatte erst vor zehn Jahren sein Ende gefunden. Der Besuch der französischen Gruppe erregt entlang der Wasserwege Aufmerksamkeit. Jules Verne und sein Bruder registrieren mit Interesse und Argwohn das Erscheinungsbild der Preußen, die sie als unrechtmäßige Besatzer betrachten und sich in dieser Einschätzung mit der einheimischen Bevölkerung einig glauben. Die Preußen insgesamt und besonders der militärische Drill und Gehorsam ist für sie exotisch-befremdlich. In Wilhelmshaven und Kiel gewinnen sie Einblick in den erstarkenden und bereits beeindruckenden militärischen Komplex insbesondere der Marine mit ihrer Flotte, den Häfen und Werften. In Kopenhagen können sie beim Besuch der englischen Flotte Vergleiche ziehen und Gedanken über die militärische Konkurrenzfähigkeit der anderen europäischen Seemacht anstellen. Bei der Lektüre über die Beobachtungen der militärischen Einrichtungen, besonders auch in Kiel, kann man fast den Eindruck gewinnen, hier werde Material für einen Spionageroman wie The Riddle of the Sands (1903) von Erskine Childers gesammelt. Den Reisenden aus Frankreich sind die Pläne der preußischen Regierung bekannt, den idyllischen merkantilen Eiderkanal durch einen neuen Kanal zu ersetzen, dessen Abmessungen auf die Abmessungen der moderneren Kriegsschiffe der damaligen Zeit zugeschnitten ist. Der mögliche Verlauf dieses Kanals wurde diskutiert. Auch eine Trasse, die dem Verlauf der Eider folgte und  bei Tönning ihre Verbindung mit der Nordsee hatte, wurde in Erwägung gezogen. Wir können sicher sein, dass an den Kanalplänen und -vorarbeiten auch die französische Regierung sehr interessiert gewesen sein dürfte. Aber die Verne-Brüder als Spione? Jamais! Eine pure Fiktion.

 

Die Segelreise der Saint Michel III, die am 04. Juni 1881 begonnen hatte, führte bis Kopenhagen. Von dort ging es über Kiel und den Eiderkanal zurück nach Frankreich. Am Sonntag, den 03. Juli 1881 machte die Yacht im Hafen von Saint Malo in der Bretagne fest.

 

Sehr schnell nach Beendigung der Reise erschien in Folgen vom 05. bis zum 14. August 1881  im Feuilleton der Zeitung L´Union bretonne ein Reisebericht mit dem Titel „De Rotterdam à Copenhague á bord du yacht Saint Michel“. Nicht Jules, sondern Paul Verne war der Autor. Auf Drängen von Pierre-Jules Hetzel, des Verlegers von Jules Verne, wurde der Artikel ausgewählt, um einen Buchband mit der Veröffentlichung des Romans Die Jangada von Jules Verne zu ergänzen. Wie Volker Dehs (2000) beschreibt, übernimmt Jules die gewünschte Überarbeitung. Er nimmt stilistische Veränderungen vor, schreibt das Schlusskapitel neu, ergänzt und streicht. Hier wird deutlich, dass die Streichungen auch politisch, d.h. aus Rücksicht auf Bismarck und die Preußen, und somit den damaligen deutschen Markt, motiviert waren. Wie aus der Analyse von V. Dehs (a.a.O.) ersichtlich ist, schrieb Jules Verne ungefähr 30 Prozent des Reiseberichtes seines Bruders  neu, d.h. verbesserte ihn literarisch gegenüber der Vorlage von Paul. Es ist eine offene Frage, in welchem Ausmaß die beiden Brüder bereits bei der Erarbeitung dieser Vorlage zusammen gewirkt haben.

 

So erschien noch im Reisejahr unter dem Titel "Von Rotterdam nach Kopenhagen an Bord der Dampfyacht Saint-Michel III" der überarbeitete Bericht als Anhang zu dem Roman von J. Verne Die Jangada, als dessen Verfasser Paul Verne, der Bruder und Begleiter von Jules, genannt wurde. Deutschsprachig ist der vollständige Reisebericht seitdem ausschließlich in der ersten Übersetzung des Hartleben- Verlags (Wien, 1881) publiziert worden.

 

Das Büchlein hob Paul Verne nicht in den Rang eines angesehenen Schriftstellers. Es überlebte durch die Verbindung mit dem berühmten Bruder und wurde als ein Buch über Jules Vernes baltische Reise oder mit lokalem Bezug über Jules Verne in Schleswig-Holstein gelesen.

 

Bei Arno Schmidt, dem experimentellen Schriftsteller, entschwindet Paul Verne völlig aus dem Blickfeld. In Dichter & ihre Gesellen (1966)  ist seine Ebene literarisch und er behandelt Von Rotterdam nach Kopenhagen so, als sei Paul Verne überhaupt nicht daran beteiligt gewesen. Die von ihm ausgewählten Zitate klingen sehr poetisch. Er fühlt sich als Geselle des Dichters und macht deutlich, dass er sich bei aller kritischen Distanz mit ihm identifiziert. Diese Identifikation ist ein aktiver Prozess, in dem er versucht, sehr konkret die Perspektive Jules Vernes einzunehmen.  Wohl 1964, am 15. Juni abends, dem Zeitpunkt, an dem Jules Verne die Fahrt durch Eider und Eiderkanal antrat, begibt sich Arno Schmidt nach Tönning am  Estuar des Flusses. Er geht die folgenden Tage den Treidelpfad entlang, stellt sich vor, die Reiseroute von einem Boot aus zu erkunden, mit anderen Worten, er stellt sich in die Schuhe des Schriftstellerkollegen und bemüht sich, einen Ausschnitt der Welt so zu sehen, wie er sich Jules Verne dargeboten haben muss:

 

Und mag man es für noch so pueril halten, dies „errötend seinen Spuren folgen“- (es ist selbstverständlich mehr, ist ein Sich-Identifizieren, ein „Sich-Durchlässig-Machen“ für die Mentalität eines Anderen: (dass Jahreszeit, also Temperatur, Sonnenlauf, Stand der Herrn & Frauen Sternbilder, ebenfalls möglichst gleich sein sollten, mag immerhin Pedanterie heißen)) – ich habe jedenfalls mehrfach-ungescheut das betreffende Kleinoktavbändchen aus der Tasche gezogen, und´s, im Stehen, nachgelesen:...“ (Arno Schmidt 1990, S. 573, s.a. 1966).

Das Kleinoktavbändchen enthält die Hartleben-Übersetzung der Reise von Rotterdam nach Kopenhagen an Bord der Dampfyacht Saint Michel.

 

Mit den hier vorgenommenen Veränderungen und Ergänzungen entwickelt sich der ursprüngliche Reisebericht entscheidend weiter in einen Bericht von und über Jules Verne. Er zeigt, dass es noch interessante Einzelheiten im Leben des „... unbekannteste(n) aller Menschen“ (Jules Verne über sich selbst, n. V.Dehs, 2005, S. 7) zu entdecken gibt. Der Beitrag integriert einige neu erschlossene Dokumente mit Pauls Bericht (in der Überarbeitung von Jules) zu einer Re-Konstruktion der Reise. Den Vorrang hat dabei die möglichst konkrete Perspektive von Jules Verne, dem Meister der Genauigkeiten, wie Arno Schmidt sein Vorbild nennt (a.a.O., S. 571).

 

Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die persönlichen Notizen, die Jules Verne in seinem erst jetzt öffentlich zugänglich gemachten Bordtagebuch (carnet de bord) über die Segeltour macht. Die Übertragung dieser in Form eines Tagebuches geordneten Notizen in die deutsche Sprache (F.P.) findet sich im fortlaufenden Text in farbig unterlegten Feldern. Das Tagebuch wird an dieser Stelle erstmals veröffentlicht.

 

Der Inhalt einiger Briefe, die Jules während der Reise an seine Frau Honorine, seinen Sohn Michel sowie den Verleger Hetzel schrieb, trägt darüber hinaus zu einem menschlich sehr nahen Bild des Erfolgsautors bei.

 

Jules Verne war zum Zeitpunkt der Reise schon weltberühmt. Obwohl er inkognito bleiben wollte, nahm die Presse seine Anwesenheit in den Häfen zum Anlass für Interviews und Berichte. Der Autor dieses Beitrages hat eine Anzahl der zeitgenössischen Presseberichte in den Zeitungsarchiven von Frankreich, Holland, Deutschland und Dänemark ausfindig gemacht. Sie liefern neben den Perspektiven des Bruders Paul und der von Jules Verne selbst eine dritte, die "öffentliche", Sicht auf den französischen Schriftsteller und dessen Kreuzfahrt durch einen Teil Nordeuropas.

 

Der Hauptanteil des Textes wird weiterhin durch den ursprüngliche Bericht von Paul Verne dominiert. Hier sind in Klammern und kursiv allerdings die Veränderungen eingebaut, die Jules gegenüber der allerersten Version in L´union bretonne vorgenommen hat. Der deutschsprachige Text ist eine Neubearbeitung. Weil die Hartleben-Übersetzung an mehreren Punkten von dem französischen Original abweicht, wurde zur Korrektur erneut auf den Text in der Ursprungssprache zurückgegriffen. Um die geeignete deutsche Übersetzung zu finden,  ist in Ermangelung einer englischen Version auch die Übersetzung in das niederländische Van Rotterdam naar Kopenhagen, die im Elsevier-Verlag erschienen ist, vergleichend herangezogen worden.

Sechzehn Graphiken von Orten der Reise illustrieren den Text. Sie wurden von dem berühmten Verne-Zeichner Riou z.T. nach lokalen Vorlagen angefertigt und sind hier aus frühen Ausgaben des Reiseberichtes reproduziert.

 

Eine kleine Anmerkung noch. Der Name Thomas Pearkop, Pilot of the Channell and the North Sea, aus Deal, frei übersetzt etwa Birne, wurde durch den Namen ausgetauscht, der in Jules Verne´s Tagebuch gebraucht wird, nämlich Harry Thomas Atkins.

 

Es ist Ihnen, den geneigten Leserinnen und Lesern des vorliegenden Beitrages, sicher nicht abzuverlangen, sich so intensiv wie Arno Schmidt in Jules Verne und seine Situation im Sommer 1881 hineinzuversetzen. Der aktive Vergleich zwischen den persönlichen Aufzeichnungen von Jules Verne und denen seines Bruders, des Marineoffiziers Paul, lohnt sich jedoch. Jules und Paul geben unterschiedliche Zeitpunkte für Ereignisse und Wege an und haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Bei aller Gemeinsamkeit unter den Brüdern wird die Individualität von Jules Verne deutlich erkennbar. Aber das sollten die Leserinnen und Leser für sich selbst genauer herausfinden.

 

Friedemann Prose

Kiel, d. 01. Oktober 2012

  

 Dankadresse

Eine wichtige Basis der hier vorgestellten Reisebeschreibung ist eine Handschrift von Jules Verne in französischer Sprache, das Bordbuch der Saint Michel III. Im Jahre 1881 wird hier eine Reise dargestellt, die der Bruder Paul Verne als - Reise von Rotterdam nach Kopenhagen- beschrieben hat.  Die Handschrift von Jules Verne ist im Original in der Bibliothèques d´Amiens Métropole, Collection Jules Verne, aufbewahrt. Das gleiche gilt für einige Briefe, die von JV auf der Reise geschrieben wurden. Genauere Angaben sind unter dem Gliederungspunkt „Literaturquellen“ zu finden.

Wir danken der Bibliothek, insbesondere Monsieur Bernard Sinoquet und seinem Team, an dieser Stelle ausdrücklich für die Überlassung von Kopien dieser Dokumente und die für gute und freundliche Zusammenarbeit. Uns verbindet die Hoffnung, dass die vorliegende Schrift sowohl dem Interesse der Leserschaft an Jules Verne als auch der Forschung zum Werk und Leben dieses großen französischen Autors einen weiteren kleinen Impuls geben kann.

Mein herzlicher Dank geht ebenfalls an Volker Dehs, Hans Glüsing, Manfred Jessen-Klingenberg, Antje Prose, Lejf Rasmussen und Detlef Schäfer.

Zahlreiche Personen und Institutionen entlang der Reiseroute der Brüder Verne haben mir mit Informationen und Hinweisen geholfen. Stellvertretend danke ich

Andres Akesson, Mette Bruun Beyer, Peter Delsman, Salima Desayoye-Aubry, Jette Eriksen, Manonmani Filliozat, Mark Frost, Alan King, Frank de Klerk, Joe Molloy, Frans Oehlen, Hanne Poulsen,Ingrid Rijnveld, H.L. Stasse, Frank Trende, Kees Waij

 

Friedemann Prose

Kiel, Anfang Oktober 2012

Nachtrag: es gibt auch eine Druckversion dieser Reise-Rekonstruktion.

Prose, Friedemann (Hrsg.,2012). Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens. In: Mitteilungen des Canal-Vereins Nr. 29/30. Rendsburg 2013, S.9-114.

ISSN 0176-7542