Jules Verne - Hamburg in vierundzwanzig Stunden

 Jules Verne- Hamburg in 24 Stunden

Aus: Jules Verne´s Sommer 1861

 

von Friedemann Prose (2011/12)

 

 

Hamburg in vierundzwanzig Stunden

(Die Abkürzungen im Text beziehen sich auf das Literaturverzeichnis: TB=Reisetagebuch von Jules Verne 1861; über thumbnails zu den Kopien des französischen Originals der TB-Seiten; ME= Roman Reise zum Mittelpunkt der Erde;MU=Murray´s Reiseführer; Bae=Baedekers Reiseführer.)

Aus Hannover um 4 Uhr weitergereist, kommt die kleine Reisegruppe um acht Uhr abends in Harburg an. Von  Harburg, noch im  Königreich Hannover gelegen, haben die Freunde Aristide Hignard, Emile Lorois und Jules Verne die -Elbe- mit einem -Dampfboot- zum -ersten Mal überquert-. Darauf folgt die -zweite Passage- (TB, S.3) über einen weiteren Elbarm. „Hamburg, etwa 60 Meilen von der Elbmündung entfernt, auf dem Nordufer der Elbe, liegt am Zusammenfluss des kleinen Flusses Alster mit der Elbe" (MuR, S.117). Über die Elbe fahren sie auf die Landungsbrücken in St. Pauli zu, den Zusammenflussß mit der Alster vorab und die Elbhöhe, meist Stintfang genannt, oberhalb des Landungsplatzes der Harburger Dampffähre.

 

Im Roman Reise zum Mittelpunkt der Erde macht Axel, der Neffe von Professor Lidenbrock, einen Spaziergang dorthin."Ich erreichte... das Elbufer bei der Dampffähre, die die Stadt mit der Harburger Eisenbahn verbindet" (ME S. 53). Der berühmte Zeichner der Jules Verne Bücher, Riou, hat diesen Ort, wie üblich in Absprache mit Jules Verne, festgehalten.

 

Die Reisenden sind am späten Abend gegen 9 Uhr, Mittwoch d. 3. Juli, an ihrem Zwischenziel Hamburg angelangt. In seinem Tagebuch gibt Jules Verne seinen ersten Eindruck von der Hansestadt wieder.

 TB Seite 3

Der Anblick der Stadt- Kirchtürme- Schiffe. Es ist eine große Handelsstadt. Wir kommen im Hotel "Zum Kronprinzen" an. Abendessen (TB, S.3)

Vom Landungsplatz an der Elbe aus fahren die drei Freunde durch die Stadt nach Nordost zu ihrem Hotel am Jungfenstieg. Die Hamburger Nachrichten bringen in ihrer Sonnabendausgabe vom 06. Juli 1861 in ihrer Rubrik "Angekommene Fremde" die Meldung:

"Hotel zum Kronprinzen. Die HH. E. Larois u. J. Verne, Advok., u. Hignard, Composit., v. Paris;..."  Der erste Name ist richtig E. Lorois. Die Berufsbezeichnung von Jules Verne ist korrekt mit Advokat angegeben..

 

 

Das große Hotel Zum Kronprinzen lag am Jungfernstieg, direkt an der Binnenalster. Davor eine Lindenallee und eine Aussichtsplattform, Pavillons mit Cafés, z.T. ins Wasser gebaut, und ein Anlegequai für die zahlreichen kleinen Dampfboote und Segler auf der Alster. Der hier gezeigte Blick aus dem vierstöckigen Gebäude ging über die Binnenalster mit Parkanlagen und der Verbindungsbahn (heute Lombardsbrücke) mit der Eisenbahn bis ans Ende der Außenalster. 1861 gab es allerdings noch keine Bahnverbindung zwischen Altona im dänischen Gesamtstaat und der freien und Hansestadt Hamburg. Eine ähnliche Verkehrssituation also wie zwischen Hamburg und Harburg im Königreich Hannover.

Die Reisenden machen nach dem Abendessen noch einen -Spaziergang. Die Alster mit der Mühle- (TB S.3). Diese Mühle, fiel Jules Verne als bedeutende Landmarke am gegenüber liegenden Ufer der Binnenalster auf. Auf der Postkarte fehlt die Mühle bereits. Sie ist wohl kurze Zeit nach dem Besuch der drei Freunde 1861 abgerissen worden.

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Wahrscheinlich haben sich die Drei bereits vor Antritt ihrer Reise ein genaueres Bild von ihrer ersten Station Hamburg igemacht. Murray´s Hand-Book Denmark informiert: Hamburg hat 240,255 Einwohner (darunter 6 000 Römisch-Katholisch und 14,000 Jüdisch)  und ist eines der größten Handelszentren der Welt. Ursprünglich von Karl dem Großen gegründet, war es den Herzögen von Holstein untertan, aber es wurde bald eine freie Stadt und gründete zusammen mit Lübeck den Hansebund. Hamburg ist eine freie Republik geblieben, obwohl seine gegenwärtige Position als Mitglied des Norddeutschen Reiches es natürlich abhängig von diesem politischen Gebilde macht...Hamburgs ausgezeichneter Hafen sticht hervor und macht es zum wichtigsten Seehafen Deutschlands...Jedes Jahr laufen durchschnittlich rund 6000 Schiffe in den Hafen ein, davon sind mehr als ein Drittel britisch...Die Elbe ist auch für Schiffe mit einer beträchtlichen Fracht befahrbar, die in den Hafen einlaufen und ihre Ladung auf Schuten leichtern können, die diese dann bis zu den Kaufleuten bringen, deren Lager- und Wohnhäuser dicht beieinander liegen...Die Stadt wird von Kanälen durchzogen, die Fleet (Strom) genannt werden die zusammen mit den Straßenbäumen dem alten Teil der Stadt eine Ähnlichkeit mit Holland verleihen.

 

Früher erhob diese Stadt keinen Anspruch auf Schönheit; aber seit dem großen Feuer von 1842 ist der gesamte nördliche Teil neu aufgebaut worden und der Teil rund um das Alsterbecken herum ist vielen der schönsten Städte Europas ebenbürtig. Der Fluss Alster durchquert die Stadt mit mehreren Armen, wobei er sich bei seinem Eintritt in die Stadt zu einem durch die Abdämmung des kleinen Flusses Alster zu einem künstlichen quadratischen Becken, dem Alster Bassin erweitert, das an drei Seiten von stattlichen Gebäuden umgeben ist,  d.h. an Alsterdamm, Jungfernstieg, wo all die besten Hotels stehen (auch das "Kronprinz"), und Neuem Jungfernstieg...Hier gibt es eine elegante Promenade, an der man besonders an den Sommerabenden Erholung sucht. Die Wasseroberfläche ist dann mit Booten bedeckt, die mit Wassergesellschaften gefüllt sind...Am Ufer stehen die meist besuchten Cafés der Stadt, die man Pavillons nennt " (Mu S.28).

 

 

 

 TB Seite 4

Am nächsten Tag, Donnerstag den 4. Juli, wird ein umfangreicher Stadtbummel unternommen. Das Bild der Binnenalster mit der Mühle gibt einen Eindruck von der Atmosphäre, die sich unmittelbar vor dem Hotel findet. Jules Verne schreibt  -Hambourg. Damen von Welt. Die Zimmermädchen, so war ihm aufgefallen, machen die Betten mit Handschuhen- (TB S.4).

Heinrich Heine, dessen Werke Jules Verne gut zu kennen scheint, zeichnet die Szene in den "Memoiren des Herrn Schnabelewopski" eindrucksvoll S.45): „ Für Leser, denen die Stadt Hamburg nicht bekannt ist- und es gibt deren vielleicht in China und Ober-Bayern- für diese muss ich bemerken, dass der schönste Spaziergang der Söhne und Töchter Hammonias den rechtmäßigen Namen Jungfernstieg führt; dass er in einer Lindenallee besteht, die auf der einen Seite von einer Reihe Häuser, auf der andren Seite von dem großen Alsterbassin begrenzt wird, und dass vot letterem, ins Wasser hineingebaut, zwei zeltartige lustige Kaffeehäuslein stehen, die man Pavillons nennt. Besonders vor dem einen, dem sogenannten Schweizerpavillon, lässt sich gut sitzen, wenn es Sommer ist und die Nachmittagssonne nicht zu wild glüht, sondern nur heiter lächelt und mit ihrem Glanze die Linden, die Häuser, die Menschen, die Alster und die Schwäne, die sich darauf wiegen, fast märchenhaft lieblich übergießt.

Da lässt sich gut sitzen, und da saß ich gut gar manchen Sommernachmittag, und dachte, was ein junger Mensch zu denken pflegt, nämlich gar nichts, und betrachtete, was ein junger Mensch zu betrachten pflegt, nämlich die jungen Mädchen, die vorübergingen -und da flatterten sie vorüber, jene holden Wesen mit ihren geflügelten Häubchen und ihren verdeckten Körbchen, worin nichts enthalten ist -da trippelten sie dahin, die bunten Vierländerinnen, die ganz Hamburg mit Erdbeeren und eigener Milch versehen, und deren Röcke noch immer viel zu lang sind- da stolzierten die schönen Kaufmannstöchter, mit deren Liebe man auch so viel bares Geld bekommt -da hüpft eine Amme, die auf den Armen ein rosiges Knäbchen, dass sie beständig küsst, während sie an ihren Geliebten denkt -da wandeln Priesterinnen der schaumentstiegenen Göttin, hanseatische Vestalen, Dianen, die auf die Jagd gehen, Najaden, Dryaden, Hamadryaden und sonstige Predigerstöchter...“(Heinrich Heine, S.45).

Der große Spaziergang der kleinen französischen Reisegruppe geht vom Jungfernstieg weiter, dem Alsterdamm am östlichen Ufer der Binnenalster folgend, zur Verbindungsbahn, die heute Lombardsbrücke genannt wird. An der Brücke kommen sie bei der Mühle in einen Park.

 

 Die Promenade geht um die (Binnen)Alster- ein Blick auf die Elbe. Die Brücke. Einige Rahen ragen auf. Die geteerte Mühle. Ein Park. Schwäne, die zwischen den Seerosen tauchen. Der Anblick des Sees- (damit ist die Alster gemeint).

 

Von der Mühle und der Verbindungsbahn aus weitet sich der Blick auf den Jungfernstieg und das Panorama der Stadt mit den Kirchtürmen (Abb. undatierte Postkarte). So ist die Nikolaikirche mit dem damals noch unvollendeten Kirchturm zu erkennen. Rechts davon Sankt Michaelis, der "Michel", wie ihn die Hamburger nennen, und links die Sankt Peterskirche. Vor der Mühle ist im Wasser das Bad zu erkennen.

 

 

 

Im Park an der Lombardsbrücke entdeckt Jules Verne ein Monument, dessen deutschsprachige Inschrift er notiert.

Dann ein Obelisk mit der Inschrift

Dem Freunde

des

Vaterlandes

Johann Georg Büsch- (TB, S.4)

 

Auf dem alten Stadtplan ist der Büsch-Obelisk, vor dem Jules Verne hier steht, noch im Park an der Lombardbrücke in der Verlängerung des Alsterdammes zu entdecken. Im Baedeker (1889) wird schon ein anderer Standort angegeben. "In den Wallanlagen, nahe der Lombardsbrücke, mit Blick auf die Alster, ein Denkmal des Nationalökonomen J.G. Büsch (gest. 18OO) in Gestalt eines Obelisken".(Bae S. 40).

Das Denkmal steht heute an noch anderer Stelle, schräg gegenüber dem Bahnhof Dammtor. Es ist gut erhalten und die Inschrift noch klar lesbar.

 

 

 

J. G. Büsch, 1728-1800, war ein Handelsschriftsteller und Begründer der ersten deutschen Handelsakademie. Er gründete auch eine Navigationsschule und andere  gemeinnützige Anstalten. Büsch war Mitglied der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg.

Der Spaziergang, den wir hier nachvollziehen, ist in die "Reise zum Mittelpunkt der Erde" eingegangen. Der Kartenausschnitt vermittelt einen Überblick, wie der Weg von der Binnenalster über die Esplanade zu den Wallanlagen und in diesen bis zur Elbhöhe verlaufen ist. Die Esplanade am Beginn des nächsten Abschnittes des Stadtrundganges war mit einer vierfachen Baumreihe bepflanzt.

 

 

"Wir gingen miteinander durch die dicht belaubten Alleen an der Alster und begaben uns gemeinsam zu der alten geteerten Mühle, die sich so gut am Ende des Sees  ausmacht....Auf diese Weise kamen wir bis an das Ufer der Elbe, und nachdem wir den Schwänen, die zwischen den großen weißen Seerosen schwimmen, gute Nacht gesagt hatten, kehrten wir mit dem Dampfboot wieder zum Quai zurück.“ (ME, S. 21, 23).

 

Über seinen Rundgang um und durch die Altstadt von Hamburg notiert Jules Verne in seinem Tagebuch: -Häuser aus Ziegelstein, manche Mauersteinreihen sind in Blau glasiert.- Hier fügt er die kleine Skizze eines schmalen Gebäudes mit einem Treppengiebel und hohen Fenstern ein. Mit den hohen Fenstern scheint das Gebäude eine Kirche oder Kapelle zu sein.

Darauf folgt die Beschreibung der Wallanlage. Durch sie hindurch hindurch mäandert ein Arm der Alster (s. Karte).

Ein großer englischer Garten, Hügel, Kanäle (die Hamburger Fleete) und der Strom, Gartenhäuser. Ein offenes Gelände, auf dem Holunder wächst. Kleine Dampfbarken, die mit Farben gekennzeichnet sind- (TB, S.4).

Im Murray erfahren wir: "Die Stadt war früher mit Wällen und Gräben befestigt, aber diese sind jetzt in sehr schöne Promenaden und Parkanlagen umgewandelt worden, die sich fast um die ganze Stadt herum und zwischen den beiden Alsterbassins hindurch erstrecken." (MU, S. 28). Im Baedeker wird erwähnt "Auch weiterhin bieten die Anlagen, welche die ehemaligen Befestigungen bedecken und sich von der Elbhöhe bis zum Berliner Bahnhof um die innere Stadt herumziehen, Gelegenheit zu hübschen Spaziergängen" (Bae S.39).

Um einen Eindruck von den Wallanlagen zu vermitteln, werden hier zwei Fotos aus der heutigen Zeit gezeigt:

 

Am südlichen Ende der Wallnlagen, in der Höhe des Millerntores, haben Jules Verne und seine Freunde auch schon einen Blick auf den Turm der Kirche Sankt Michaelis, im Volksmund "Michel" genannt.

 

 

Murray: "Am Westrand an der Elbe, schon nahe Altona, wird der Endpunkt der Befestigungsanlagen Stintfang oder Elbhöhe genannt, und von hier aus hat man den schönsten Blick auf die Schifffahrt, über den Fluss bis auf das andere Ufer und auf die Stadt."(MU,S. 28). Dort ist auch der Landeplatz für die Dampfer."(MU S. 28).

 

 TB Seite 5

Im Baedeker wird die Elbhöhe ebenfalls beschrieben. "Eine der schönsten und belebtesten Aussichten in der Nähe des Hafens gewährt die Elbhöhe, meist Stintfang genannt, oberhalb des Landesplatzes der Harburger Dampffähre: vorn der Hafen mit seinem Wald von buntbewimpelten Masten und die von Inseln unterbrochene 7-8 km breite Elbe, rechts die Vorstadt St. Pauli und Altona.Zunächst jenseits des Grabens auf der Höhe das Seemannshaus, in welchem beschäftigungslose Seeleute ein billiges Unterkommen, alte und kranke ein Asyl finden" (Bae Seite 35).

Der Blick auf die Elbe und die Schifffahrt, wie Jules Verne ihn 1861 hatte, ist so nicht mehr von der Elbhöhe bzw. dem Stintfang zu haben. Aber schön ist die Aussicht auch heute noch:

 

Der St. Pauli-Elbtunnel und der Turm wurden erst 1911 gebaut, also 50 Jahre nach dem Besuch von Jules Verne und seinen Freunden Lorois und Hignard in der Hansestadt Hamburg.

Es liegt nahe, daß die Gruppe den Rückweg über den Zeughausmarkt nahm und vielleicht durch den Neuen und Alten Steinweg ging. Sie wäre so zum Neumarkt gelangt und in das Judenviertel Hamburgs, dem Hauptsitz des Trödelhandels ("Judenbörse"), wie es im Baedeker (1889, S 35) beschrieben ist. Es ist das alte Hamburg bzw. das, was nach dem großen Brand 1842 übrig geblieben ist. Der Großneumarkt war der zentrale Marktplatz im Viertel. In den angrenzenden Straßen wie Hütten oder Peterstraße fanden sich Fachwerkhäuser, enge Gassen und Hinterhöfe.

 

Ein Platz mit dreißig Fachwerkhäusern an den Seiten. Zwischen den Fenstersprossen sind Butzenscheiben. Die Dächer sind rot. Eine Schmiede, der die klaren Linien fehlen. Überall Blumen. Persische Vorhänge. Ein Kletterspalier mit Weintrauben. Krumme Strassen und Gassen. Bäume wachsen fast in die Häuser hinein. Wunderschöne Dachziegel (TB S.4-5)

Jules Verne und seine Freunde streifen durch die noch vorhandenen Teile des Gängeviertels, das sich weiter nach Norden bis zum Valentinskamp und der Königsstrasse erstreckt.

Mit der anscheinenden Idylle stimmt die Beschreibung des Hamburger Hauses, dessen Eigentümer Professor Lidenbrock ist, überein. Professor Lidenbrock hat "sein kleines Haus" in der "Königstrasse 19, eine der ältesten Strassen des alten Stadtviertels zu Hamburg". Bei Heinrich Heine in den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski heißt es über den Messias-Dichter Klopstock "Du hast aber auch lang genug auf der Königstraße hinter dem Jungfernstieg gewohnt, um zu wissen, wie Propheten gekreuzigt werden" (S.55). Murray berichtet: „Das Haus des Dichters Klopstock (1774-1803), Nummer 27 in der Königsstrasse, ist wiedererrichtet worden“(MUNR, S.120) (s. Stadtplan). Die "Allee" liegt in der Nähe des Hotels Zum Kronprinzen. Wenn die Haushälterin Marthe auf den "Markt" eilt, dann wird es der Großneumarkt gewesen sein. Es ist von nah zu hören, wenn es "eben erst auf der Michaeliskirche halb zwei geschlagen" (ME, S.2) hat.

Die Abbildung zeigt ein Haus in der Straße Hütten am Großneumarkt mit Blick auf den Michel. Das Bild stammt aus dem Jahre 1890  und lädt in seiner Schrägheit zu einem Vergleich mit dem kleineren Haus von Professor Lidenbrock ein.

 

(Abb. n. Friedrich Strumper). Bis heute hat sich wenig von dem alten Straßenbild der Neu- und Altstadt erhalten. Eine Ausnahme sind die Krameramtsstuben zu Füßen des Michel, in denen Butiken und Cafés zum Aufenthalt einladen.

 

Das Haus von Professor Lidenbrock in der Königstraße 19 wid anschaulich beschrieben. "Er wohnte in seinem kleinen Haus an der Königstrasse, eine Wohnstätte die teils aus Holz, teils aus Ziegelstein gebaut war, mit einem Treppengiebel; es lag an einem der gewundenen Kanäle (Fleete), die sich mitten durch das älteste Stadtviertel Hamburgs ziehen, das der Brand von 1842 glücklicherweise verschont hatte. Das alte Haus war ein wenig schief, das ist wahr, und es streckte den Vorbeigehenden den Bauch entgegen. Es trug sein Dach schräg auf dem Ohr, als sei es die Schirmmütze eines Studenten des Tugendbundes. Das lotrechte seiner Linien ließ zu Wünschen übrig; aber insgesamt hielt es sich ganz gut. Das war einer alten Ulme zu verdanken, die sich fest in die Fassade eingefügt hatte und die im Frühjahr ihre blühenden Knospen durch die Fensterscheiben trieb. Und dazu die Blumen: "Wenn er im April in die Fayencetöpfe seines Salons Resedastöcke oder Volubilis (Winde) gepflanzt hatte, zupfte er sie jeden Morgen planmäßig an den Blättern, um ihr Wachstum zu beschleunigen." (ME, S.7f.)

 

Der Tugendbund mit der schrägen Mütze, das ist nach Meyers Konversationslexikon von 1900 "ein sittlich-wissenschaftlicher Verein, der sich 1808 zu Königsberg in Preußen bildete und sich die Wiederaufrichtung des Staates, Stärkung des Patriotismus etc. zum Zweck setzte. Er erregte den Verdacht der französischen Machthaber. Im Dezember 1809 auf Verlangen Napoleons vom König aufgelöst, später wegen Beförderung der Demagogie verdächtigt."

Das Haus hat einen Treppengiebel, wie er auf der Handzeichnung von Jules Verne oben festgealten ist. Rechts von dem Haus Königstraße 19 ist die Schutzmauer eines Fleets zu sehen. Nach Beschreibung und Lage kann es sich dabei um den Bleichenfleth handeln. Das Haus Königstraße 19  ist auf zwei weiteren Abbildungen von Riou dargestellt.

Die Königstraße lag in einem lebhaften Stadttei. Das wird Professor Lidenbruck in der Stille Islands besonders bewußt. Er macht Axel darauf aufmerrksam. "Hast du jemals eine friedlichere Nacht in unserem Haus in der Königstraße verbracht ? Kein lärmendes Rumpeln der Lastkarren; keine Marktschreier, kein lautes Schimpfen der Kanalschiffer" (auf den Fleeten) S. 152, ME. 

 

In der ersten der folgenden Abbildungen ist links die alte Marthe zu erkennen und in der Mitte der lange, hagere Professor Lidenbrock. Über dem Tor sind die Butzenscheiben zu sehen, die Jules Verne auf dem Spaziergang aufgefallen waren. Das rechte Bild zeigt eine Ecke des Hauses Königstraße 19 mit dem Haustor und dem Baum, der fast in das Haus hinein wächst. Im Hintergrund eine Häuserreihe, wie Jules Verne sie im Gängeviertel gesehen haben könnte. Im Vordergrund die Haushälterin Marthe und Graüben, die schöne blonde Vierländerin. Die Szene zeigt die Abreise von Professor Lidenbrock und seines Neffen Axel zum "Mittelpunkt der Erde", genauer zum Kieler Bahnhof in Altona. Dort beginnt die Reise rückwärts zur tatsächlichen Reise 1861, wie sie hier rekonstruiert wird.

 

 

 

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         Tor mit Butzenscheiben                       Königsstraße und Gängeviertel

 Der Rundgang führt in viele Winkel des alten Hamburg. Jules Verne ist ein aufmerksamer Beobachter und notiert eine Reihe von Einzelheiten.

 TB Seite 5

Gotische Kirchen aus Ziegelstein. Efeu, der sich hochwindet. Wohlschmeckendes Bier aus Flaschen. Kleine Brote. Alte Fayencen. Die Häuser sind im Allgemeinen fest gebaut,notiert Jules Verne, die vornehmen Häuser sind sehr schön aber wenig komfortabel- (TB, S.5).Er bemerkt -kleine Mädchen mit dem Ranzen auf dem Rücken, die in die Schule gehen- (TB, S.5). -Die Kanäle vermitteln einen Anblick wie in Venedig. Es gibt große Arkaden (Das Bindeglied zwischen Binnenalster und Rathausmarkt bildet die `Kleine Alster`, die nach dem Brand von 1842 eindrucksvoll durch zwei Brücken, eine Freitreppe und die von Chateauneuf errichteten Alsterarkaden mit Läden gestaltet wurden. Sie erinnern an Venedig.) -und überall Schwäne. In den Kirchen hängen alte flämische Gemälde. Die Opferstöcke sind aus poliertem Kupfer. Wieder Kanäle. Ein altes Haus, das auf Pfählen gebaut ist- (TB, S.5).

Die Postkarte zeigt einen Blick von der Reesendammbrücke am Jungfenstieg auf die ladenreichen Alsterarkaden und die Schleusenbrücke. Dort geht es rechts in die Poststraße, die in der Verlängerung Königstraße heißt. In dem Stadtvietel zwischen dieser Parallelstraße zum Jungfernstieg und dem im Hintergrund aufragenden Kirchturm des "Michel" bewegt sich die kleine Reisegruppe auf ihrem Rundgang durch das Gängeviertel. Dort macht Jules Verne weitere interessante Beobachtungen und Entdeckungen.

Er gewahrt -eigenartige Pfeifen. Nackte Frauen, die sich in Negerinnen verwandeln, wenn man sie raucht. Eine  mit einer Katze- (TB S.5). Eine solche kuriose Pfeife wird auch in der Reise zum Mittelpunkt der Erde von Axel geraucht: „Ich zündete meine Pfeife mit dem langen gebogenen Mundrohr an, deren Kopf als eine lässig hingestreckte Najade ()Meernymphe geformt ist. Dann belustigte ich mich daran, den Fortgang der Verbrennung zu verfolgen, der meine Najade nach und nach in eine vollendete Negerin verwandelte.“  (ME, S.28) Gut hierzu passt auch der Rohrstock mit dem Nussknackerkopf, den Professor Lidenbrock besitzt (ME, S.2). Jules Verne könnte ihn als Produkt der bekannten Fabrik von Stock-Meyer in Hamburg gesehen haben.

 

 Murray beschreibt Aspekte des Straßenbildes von Hamburg, wie sie auch Jules Verne erlebt haben wird: „Die Dienstmädchen und Köchinnen sind in der Öffentlichkeit meist nur in ihrer farbenfrohen Kleidung zu sehen. Mit Spitzenhauben, langen Glacéhandschuhen und einem prächtigen Schal versehen, der so unter dem Arm drapiert wird, dass er einen Korb von der Form eines Kindersargs verbirgt, der Kleidungsstücke, Butter oder Käse oder andere Artikel, die auf dem Markt eingekauft wurden, enthält. Die Bauern, die den Markt beschicken, tragen malerische Gewänder. Sie stammen hauptsächlich aus einer Landschaft, die an die Elbe grenzt und Vierlande genannt wird. Sie ist hauptsächlich mit Gärten bedeckt und versorgt den Markt mit Gemüse (Mu, S.119).

Die Vierlande liegen etwa drei Meilen elbaufwärts von Hamburg. Es ist eine der fruchtbarsten Marschniederungen Deutschlands, in der Obst, Gemüse und Vieh in gleicher Weise prächtig gedeihen. Das Gebiet wurde im zwölften Jahrhundert von Westfriesen aus Holland besiedelt.

Die Westfriesen verstanden sich infolge langer Erfahrung schon damals hervorragend auf die Trockenlegung tiefliegenden Landes mit hohem Grundwasserspiegel, und sie verwandelten die zum größten Teil sumpfigen Vierlande in den fruchtbaran schweren Boden, der sie heute auszeichnet.

Durch die günstigen Absatzmöglichkeiten ihrer landwirtschaftlichen Produkte auf den Märkten der nahen Großstadt gelangte das Land schon im 6. Jahrhundert zu beträchtlicher Wohlhabenheit, die sich auch in seiner Volkstracht nicht verleugnet. Sie hat einen holländischen Einschlag mit reichem Silberschmuck (n. Erich, 1934, S. 16).

 

Händlerkarren mit einer Katze auf dem Strohhaufen- fallen Jules Verne auf und schließlich die Vierländerinnen und Vierländer (Jules Verne schreibt Virlander) mit ihren Trachten, die eng am Körper liegen, und den Strohhüten. Man schaut durch ein Stielglas auf ihre Erscheinung- (TB, S.5). Das nachstehende Bild vermittelt einen Eindruck von den auffälligen Trachten, die die Vierländerinnen und Vierländer in das Hamburger Stadtbild einbrachten.

 Vierländer Festtagstracht

Die Begegnung mit den Vierländerinnen, die es Jules Verne offensichtlich angetan haben, könnte auch an der Börse stattgefunden haben. In den Memoiren des oben erwähnten Stock-Meyer wird von Blumen verkaufenden Vierländerinnen "mit dem großen, gesteiften Mützenbande" erzählt, die auf dem Platz vor der Börse "frisch ihre Blumen offerieren" (H.C. Meyer 1887, S.7).

 

In der Reise zum Mittelpunkt der Erde lebt die Nichte Graüben, ein siebzehnjähriges Mädchen aus den Vierlanden, im Hause des Professors Lidenbrock. "...die hübsche Vierländerin und der Neffe des Professors liebten sich mit der ganzen deutschen Geduld und Seelenruhe...Graüben war ein reizendes blondes junges Mädchen mit blauen Augen, mit einem etwas schwerem Charakter und einem etwas ernstem Gemüt; ..."(ME, S.21).

 

Auf dem Bild von Riou trägt Graüben lange Zöpfe und um den Hals hat sie ein Tuch gelegt, das im Original sicher buntbestickt war. Der Name der Nichte des Professors Lidenbrock war für den Übersetzer der "Reise zum Mittelpunkt der Erde" offenbar zu ungewöhnlich. Er nannte sie in der frühen Ausgabe des Hartleben-Verlags  kurzerhand "Gretchen". So wird sie auch zu "Grete" oder "Gudrun" in anderen deutschsprachigen Übersetzungen. Mir scheint eine andere Herkunft des Namens plausibler: Jules Verne hörte in Hamburg ein Deutsch, das mit niederdeutschen Ausdrücken vermischt war, das sogenannte Missingsch. Missingsch ist Messing und bezeichnet die für Hamburg typische Sprachlegierung aus Hoch- und Niederdeutsch. Die Vierländer und Vierländerinnen, aber auch die Bewohner Hamburgs, haben daneben reines Niederdeutsch bzw. Plattdeutsch gesprochen. Nach dieser Sprache sehnt sich auch Heinrich Heine bei seinem Abschied von Paris 1844, S.184). In Bezug auf ihr Marschland und die Trockenlegung ist  wahrscheinlich auch von Gräben gesprochen worden. Gräben aber heißt im Plattdeutschen, charakteristischer Weise mit einem Doppelvokal gesprochen "Graüben". Danach hat Jules Verne einen für ihn exotischen Namen in einer exotischen Sprache gewählt, der die Herkunft zur Benennung der jungen Frau zum Bezug nimmt.

 

 TB Seite 6

Der Michel, der Turm der Kirche Sankt Michaelis, war als Landmarke immer wieder bei der Wanderung durch die Stadt sichtbar geworden. Jetzt stehen Jules Verne und seine Freunde unmittelbar davor und besteigen ihn.

 

-Der Glockenturm der Kirche St. Michel..- mit dem kennzeichnenden Abschluß, der wie ein Rundtempel mit einer Kuppel aussieht, ist das Wahrzeichen Hamburgs und wird lvertraulich "der Michel" genannt. -Eine unmögliche Treppe. Die Rückkehrenden von der zweiten Platform stauen sich. Der Turm hat eine Wendeltreppe. Wir kommen bei einer Laterne an. Farbige Gläser. Das Rot der Hamburger Feuersbrunst, und jetzt die junge goldene Stadt- (TB, S.6).

 

Das Ereignis des großen Hamburger Brandes vom 5. - 8. Mai 1842 wurde in der ganzen Welt, selbst in den Straßen Newyorks durch Extra-Ausgaben der Zeitungen verbreitet. Auch der Nikolaiturm und andere Kirchtürme (St. Peter, St. Gertruden)  standen in vollen Flammen. Fast ein Drittei der Innenstadt war in Schutt verwandelt. (n. Mu, S. 118)."

Die Stadt, zur Hälfte abgebrannt,

wird aufgebaut allmählich;

Wie´n Pudel, der halb geschoren ist,

sieht Hamburg aus, trübselig.

(Heinrich Heine, Deutschland, S. 221)

"Der Brand schuf in Hamburg ganz veränderte Verhältnisse. Dies an sich so traurige, für die Stadt aber in der Folgezeit ehr segensreiche Ereignis führte dazu, dass ein neues Hamburg aus der Asche" entstand und es gelang, in der alten Stadt "gute breite Straßen", Wasserwerke und eine für damalige Zeit moderne Kanalisation anzulegen. Stehende Wassergräben wurden zugeschüttet. Die schönsten der neuen Gebäude stehen an der Alster. Ihr Fundament ist zumeist aus Granit, worauf mit Ziegeln und Stuck aufgemauert ist. Die Entwürfe sind sehr vielfältig und manchmal schön" (n. Mu, S.118).

Der Reiseführer beschreibt: „Der Turm von St. Michaelis ist 432 Fuß hoch und somit 100 Fuß höher als der von St. Paul in London (340 Fuß). Man hat von ihm einen guten Rundblick über die Stadt und die Elbe, fast bis zur See, Teile von Holstein im Norden und von Hannover im Süden.“ (Mu, S.119) und der Baedeker bestätigt: "Von dem 1786 vollendeten, 131 m hohen Turm lohnende Aussicht über Stadt und Strom, besonders Abends" (Mu, S. 35).

-Wir schauen hinunter auf die Elbe und die Alster. Der See ist mit kleinen Wasserfahrzeugen bedeckt. Ein kleiner Schoner segelt flussaufwärts. Man kann der Spur des großen Feuers mit den Augen folgen. Rote Dächer. Die Stadt sieht mit ihren vielen Höfen so vornehm aus- (TB, S.6). 

Trotz seines Alters war Hamburg zur Zeit des Besuches von Jules Verne eine moderne Stadt. Der große Brand von 1842 und eine weitsichtige Stadtplanung haben die labyrinthischen Gassen und "Twieten" der "Gängeviertel" weitgehend beseitigt und das Zentrum für einen großen, meist "Hof" genannten Kontorhaustyp freigemacht. Als  Klinker-, Rohziegel- oder Sandsteinbau gab er Hamburg teilweise bis heute ein besonderes und einzigartiges Aussehen.

  

TB Seite 7

Das Innere von St. Michel. Es erinnert an den Stil von Ludwig XIV. Rundherum sind Tribünen. Es ist sehr hell. Zwei zusammenhängende Theatersäle. Alte Holztäfelungen. Die Wände sind schrecklich weiß. Keine Bilder. Keine Glaskästen. Der Chor ist aus Holz geschnitzt. Der Taufkessel aus Marmor, auf dem der Teufel abgebildet ist. Es gibt Kellergewölbe und sieben Emporen. (TB S.6-7).

 

       

 

 

Von seinem Besuch des "Michel" hat Jules Verne ein Informationsblatt in englischer Sprache mitgebracht, das hier übersetzt wiedergegeben ist:

 

"Die alte St. Michaelis Kirche wurde am 10. März 1750 durch einen Blitz getroffen und am 29. Juni wurde der Grundstein für die neue Kirche gelegt. 1762 wurde die Kirche eröffnet, 1778 war der Turm vollendet, 1786 erhielt sie die Glocken, die Uhr und alle anderen Notwendigkeiten. Die Kirche ist eine Kreuzkirche in einem einfachen noblen Stil und sehr massiv gebaut. Die Kosten des ganzen Baus betrugen 1 600 000 Courant. Die ganze Kirche ist unterkellert. Die Decke des Kellers ist in Bögen errichtet, die aus Fels geschnitten wurden. Der Keller dient als Gruft, die vollständig  belegt ist. Die Grüfte sind so gut konstruiert, dass nicht der geringste unangenehme Geruch wahrgenommen werden kann.

Das Innere der Kirche hat nur vier Pfeiler und kann zwischen 4 und 6000 Hörer aufnehmen. Die gesamte Länge des Gebäudes von Ost nach West beträgt 249 Fuß. Die Breite des Kreuzes von Nord nach Süd ist 178 Fuß. Die Decke hat eine Breite von 107 Fuß. Die Höhe der inneren Kirche beträgt 93 Fuß.

Die Höhe des Turmes beträgt vom Pflaster bis zur Spitze 400 Fuß. Die Höhe bis zu dem kleinen Raum mit den farbigen Fenstern über der Kuppel 376 Fuß 8 3/4 inches. Die Höhe des Bodens über dem Wasserspiegel des Hafens beträgt 70 Fuß 10 inches. 

Der Architekt war Ernst Georg Sonnin und diese Kirche war sein zweites öffentliches Gebäude. Es ist überflüssig, mehr über den Architekten zu sagen, weil wir ihn durch seine Werke kennen und bewundern können.

Die Kirche und der Turm können zu jeder Zeit besucht werden und jede Person muss sich bei der Amtsperson J. C. Appel melden, Michaelis-Kirchhof oder Englische Planke No. 2."

Dann werden noch die Besichtigungsgebühren für eine Person, zwei sowie 3 bis acht Personen aufgeführt. Jede Person über die Anzahl von acht hinaus zahlt nur noch einen kleinen Betrag zusätzlich.

Der Raum mit den farbigen Fenstern in der Turmspitze wird auch von Jules Verne erwähnt (s.o.).

 

Nach dem Besuch der Kirche St. Michaeles geht der Weg über den Bleichenfleth und die Kleine Alster weiter iRichtung Jungfernstieg. Dabei geht es an der Nikolaikirche und der Börse vorbei.

Die Nikolaikirche am Hopfenmarkt wurde durch die Feuersbrunst am 5. Mai 1842 bis auf den Rest des Turms und die Außenmauern fast völlig zerstört.

 

(Abb. nach dem Brand 1842) nach einer Zeichnung von Adolf Besemann). St. Nikolai, der Dom, wie Jules Verne die große Hauptkirche nennt, wird im Jahre 1861 mit einer modernen gothischen Struktur unter Verwendung von weißem Marmor erst wieder aufgebaut.  (Mu, S.119)

 

"Es brannte an allen Ecken zugleich,

Man sah nur Rauch und Flammen!

Die Kirchentürme loderten auf

und stürzten krachend zusammen."

 

(Heinrich Heine, Deutschland, S. 221)

 

Aus den Notizen im Tagebuch ist als Beobachtungen zu entnehme: Der Dom von Hamburg befindet sich noch im Bau, ähnlich wie der in Köln. Er ist nicht minder großartig und so unvollendet wie er. Es gibt keine Bettler und Bucklige- (TB S.7), schreibt er.  

Auch weiter oben haben wir schon auf dem Bild mit der Alstermühle gesehen, daß der Wiederaufbau des Turms der Nikolaikirche noch unvollendet war. Der Bau wurde 1863 nach dem Entwurf des englischen Architekten Sir G.G. Scott mit Ausnahme des Turms abgeschlossen. Der Turm wurde erst 1874 vollendet. Er war dann 144 m hoch und das dritthöchste Gebäude in Europa (Kölner Dom 156m; Notre Dame in Rouen 151 m) n. Baedeker 1889,S. 36.

Nach dem Besuch des Doms der Nikolaikirche geht es vermutlich über die Trostbrücke vorbei an der Börse wieder in das Hotel Zum Kronprinzen. Jules Verne genießt -das Bad und die Aussicht. Die Badewanne. Vor der Dusche hat er etwas Scheu. Seife und Handtücher. Im Bad sind Abbildungen von Venus oder Susanna. Die Badewanne ist aus Marmor. Der Blick aus dem Fenster auf den Dammtorwall ist am Abend und tagsüber schön.-

 

-Der Aufruf zum Essen. Es sind viele Franzosen hier. Die Deutschen sind fröhlich. Die Stadt ist sehr ungezwungen. Aber sie hat ein schreckliches Theater.- (TB, S.7).

Murray: Das Stadttheater (in der Nähe des Dammtorbahnhofs) ist eines der größten Deutschlands und nach den Entwürfen von Schinkel gebaut.

-Um drei Uhr haben wir gespeist. Petersiliensauce, Jungschweinpastete gemischt mit Schinken. Wein vom Rhein oder von der Mosel. Eine Platte, die aus geräucherter Zunge und kleinen Erbsen komponiert war. Sauerampfer und Muskat zu einem Omelett. Und dann noch etwas unverdaulich boreales- (TB S.7)

Bei seinem Rundgang durch die Hansestadt hat der damalige Börsenmakler (Dehs, 2005, S.118f.) Jules Verne auch die Hamburger Börse gesehen.

 

Das Gebäude der Neuen Börse war 1841 kurz vor dem großen Brand fertiggestellt worden und blieb von dem Feuer verschont. Von ein ein viertel  und drei Uhr am Nachmittag versammelte sich hier die Handelswelt Hamburgs (Murray S. 35).

Er erinnert sich bei Tisch:

-Man verkauft Blumen an der Börse. Die Geschäfte werden hier nicht so mürrisch und ernsthaft gemacht wie bei den Engländern, die so viel davon verstehen, und den Franzosen, die überhaupt nichts davon verstehen- (TB S.7).

 

(Abb. n. H.C. Meyer 1807,1887). Der Kleinhandel vor der Börse hatte in Hamburg eine lange Tradition. Das Bild zeigt die Alte Börse mit einer Vierländerin 1802. "In unmittelbarer Nähe, vor dem Laden des Papierhändlers Westermann, hatte, neben Blumen verkaufenden Vierländerinnen, auch mein Vater in den Mittagsstunden seinen Verkaufsstand, seine Spazierstöcke in einem leinenen Beutel, später in einem dreiteiligen leichten Holzkasten ausbietend...“(H.C. Meyer,1887).Auch an der Neuen Börsen könnte Jules Verne sowohl die bemerkenswerten Rohrstöcke von Stockmeyer als auch blumenverkaufende Vierländerinnen gesehen haben.  

 

 TB Seite 8

-Dann die Fortsetzung des Diners. Kalbfleisch mit Salat- ein Grieskuchen mit Kirschkompott. Das Kalbfleisch wird mit Gurkensalat und Kompott aus Backpflaumen gereicht- (TB, S.8).

 

Ähnlich appetitanregend heißt es in der Reise zum Mittelpunkt der Erde über das Menu, das Marthe, die alte Haushälterin von Professor Lidenbrock, bereitet hat: „...was für ein Mahl jedoch! Eine Petersiliensuppe, ein Omelett mit Schinken das durch Sauerampfer in Muskat verfeinert war, Kalbsnierenbraten mit Pflaumenkompott, und zum Dessert Krabben mit Zucker, das Ganze mit einem hübschen Wein von der Mosel begossen“ (ME, S.15). Jules Verne liebt es, gut zu essen.

Nach dem Diner macht sich die Reisegruppe noch am 4. Juli mit der Eisenbahn auf nach Lübeck. Die Fahrt geht über Bergedorf und Büchen. Der Aufenthalt in der Hansestadt Hamburg war kürzer als die in den Vorbereitungen geplanten vierundzwanzig Stunden.

 

Exkurs:

Das Johanneum und das Mineralogische Museum

 

Wenn wir von dem Roman "Reise zum Mittelpunkt der Erde" ausgehen, so vermissen wir im Tagebuch der Reise 1861 einen Hinweis auf das Johanneum und das Mineralische Museum in Hamburg. Jules Verne ist bei seinem Besuch offenbar nicht dort gewesen. Wie der Kartenausschnitt oben zeigt, lagen diese Einrichtungen in der Nähe des Weges, den die Reisegruppe durch die Stadt genommen hat. Auch in Jules Vernes Reiseführer, dem Murray´s, werden die Institutionen genannt: "Das Schulgebäude, das 1834 neben dem alten Dom im ältesten Teil der Stadt errichtet wurde, enthält das Johanneum, ein Kolleg unter der Obhut ausgezeichneter Professoren, in dem es eine gute klassische und kaufmännische Ausbildung für 120 Mark pro Jahr gibt. In diesem Gebäude befindet sich auch die Stadtbücherei, die aus ungefähr 300,000 Bänden und 5000 Manuskripten besteht, täglich von 11-12 geöffnet. Im Raum darunter befindet sich das Museum für Naturgeschichte." (Mu, S. 119).

 

Das Johanneum und das Stadtarchiv sind Hamburger Einrichtungen, die in Jules Vernes Tagebuch nicht erwähnt werden, aber in der Reise zum Mittelpunkt der Erde eine gewisse Bedeutung haben.

Volker Dehs (2005) hat sich eingehend mit der Person des Professors Lidenbrock bei Jules Verne beschäftigt. Lidenbrock war Professor am Johanneum, und hielt Vorträge über Mineralogie... Nach der Rückkehr von der abenteuerlichen Reise heißt es: "Hamburg gab uns zu Ehren ein Fest. Im Johanneum fand eine öffentliche Sitzung statt, worin der Professor einen Bericht über seine Unternehmung vortrug... An demselben Tage legte er Saknussemm´s Dokument im Archiv der Stadt nieder" (ME, S. 369).

Grund genug, an dieser Stelle etwas Näheres über das Johanneum und seine Bibliothek, d.h. das Stadtarchiv, zu sagen.  Darüberhinaus stellt Volker Dehs in seiner Verne-Biographie die These auf, "der Name des Professors (Lidenbrock) gehe wohl auf den Hamburger Gelehrten und ehemaligen Domherrn des Michels, Friedrich Lindenbrog, zurück". (Dehs, 2005, S. 123). Lindenbrog aber ist einer der bedeutendsten Stifter der Bibliothek des Johanneums:

Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts erhielt die Bibliothek u.a. die Bücher- und Handschriftensammlungen des Domherrn und Juristen Friedrich Lindenbrog (1573-1648) einschließlich der Bibliothek seines Vaters Erpold und seines Bruders Heinrich.  Durch die Schenkungen von Lindenbrog und weitere Schenkungen wuchs die Bibliothek auf 25.000 Bände mit einem großen Bestand an Handschriften (s.o. Saknussem) an. Eine der ältesten mittelalterlichen Handschriften ist ein aus Paris (St. Victor) stammendes und durch Friedrich Lindenbrog nach Hamburg gelangtes Speculum iuris canonici des Petrus Blesensis ( n. Dehs, 2005 S. 421).

Wenn wir das Porträt von Friedrich Lindenbrog mit den Zeichnungen von Riou vergleichen, besonders die Nasenpartie, so liegt die Annahme nahe, daß das Aussehen von Friedrich Lindenbrog der Zeichnung von Professor Otto Lidenbrock als Vorlage diente.

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Im Roman "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" wird eine weitere Hamburger Einrichtung erwähnt, die in Jules Vernes Tagebuch nicht genannt  wird. Es ist das mineralogische Museum. "Es soll noch hinzugefügt werden, dass mein Onkel Konservator des mineralogischen Museums des Botschafters von Russland, Monsieur Struve, war, eine wertvolle Sammlung mit einem europaweiten Renommée (S.5). Und über das Haus von Professor Lidenbrock heißt es: Sein Arbeitszimmer war ein wahres Museum. Alle Proben aus dem Reich der Mineralien waren dort zu finden, in der perfektesten Ordnung nach den großen Abteilungen der brennbaren, der metallischen und der lithoiden Mineralien etikettiert" (ME, S. 9).

Die Geschichte des Mineralogischen Museum in Hamburg beginnt mit Heinrich Christoph Gottfried von Struve (1772-1851), dem ersten Präsidenten des "Naturwissenschaftlichen Vereins", der im Jahre 1839 ein Vereinsmuseum gründete. Von Struve war Kaiserlich-russischer Geheimer Rat, außerordentl. Gesandter sowie bevollmächtigter Minister bei den Freien und Hansestädten. "Anlässlich seines 50jährigen Dienstjubiläums und für seine Bemühungen um die Förderung des Naturwissenschaften (Gründer des naturwissenschaftlichen Museums in Hamburg)" wurde er 1843 Ehrenbürger von Hamburg.

 

Als erstes Lokal für die Aufstellung des Museums hat ein Raum im alten St. Johannis-Kloster (s.o.) gedient, der aber wegen der feuchten und stickigen Luft wenig geeignet war. Daraufhin wurde vom Naturwissenschaftlichen Verein eine Wohnung (vgl. das Haus von Professor Lidenbrock) - ein großer Raum mit zwei Nebenräumen - angemietet, die aber, aufgrund der vielen Spendeneingänge, schnell zu eng wurde. Schließlich gelang dem Verein am 17.Mai 1843 die Gründung eines städtischen Naturhistorischen Museums und später ein Neubau am Schweinemarkt. Die Annahme, daß in der Romanfigur des Professors Otto Lidenbrock auch Bezüge auf Christoph Gottfried von Struve zu finden sind, ist evident.

Volker Dehs bringt eine weitere Person als Vorbild für die Figur des Lidenbrock ein. "Otto Lidenbrocks reales Pendant hieß Karl Möbius (!825-1908) und war zwischen 1853 und 1868 am Johanneum allgemein für das Fach Naturwissenschaften zuständig" und lehrte zwischen 1860 und 1863 ausnahmsweise die Materie seines fiktiven Kollegen: Mineralogie (1860/61), "Kristallographie als Vorberetung der Mineralogie"(1861/62) sowie "Mineralogie und Grundzüge der Geologie" (1862/63)" (Dehs, 2005,S. 422).


 Über die Inhalte des Lehrplans hinaus dürfte Karl August Möbius kaum als Vorbild für Professor Lidenbrock geeignet haben Zum Vergleich wird das Alter von Prof. Lidenbrock mit 50 Jahren angegeben, Möbius war im Jahre 1861 aber erst 36 Jahre alt. (vgl. Volker Dehs und eigene Unterlagen). Möbius war nach verschiedenen Quellen didaktisch sehr geschickt und verstand es als Lehrer und Redner, naturwissenschaftliche Inhalte verständlich und populär in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es findet sich kein Hinweis auf sprachliche Störungen wie bei Professor Lidenbrock.

Möbius wurde vom Lehrer der Naturwissenschaft am Johanneum zum Professor der Zoologie in Kiel und dann zum Direktor des Zoologischen Museums in Berlin befördert. Als Jules Verne im Jahre 1881 erneut nach Kiel kam, hätte er Möbius im Zoologischen Museum der Stadt antreffen können. Karl August Möbius hat von 1847 bis 1908 regelmäßig Tagebuch geführt. Der Name Jules Verne oder ein Hinweis auf einen Kontakt mit dem französischen Schriftsteller ist dort nicht aufzufinden. Da Möbius Mitglied verschiedener internationaler wissenschaftlicher Gesellschaften, auch in Frankreich war, wird sein Name mit Wahrscheinlichkeit auch Jules Verne bekannt gewesen sein. Allerdings wohl mehr im Zusammenhang mit der sich damals entwickelnden Meereskunde. Insofern hätte sich Möbius wohl eher als Vorlage für die Romanfigur des Professor Pierre Aronnax in Jules Vernes "20 000 Meilen unter den Meeren" (1869/1870) geeignet.

Literatur

  

Baedeker, Karl (1889). Nord-Ost-Deutschland nebst Dänemark. Handbuch für Reisende. Leipzig: Verlag von Karl Baedeker 

Baedeker, Karl (1889). Nord-West-Deutschland. Handbuch für Reisende. Leipzig: Verlag von Karl Baedeker

Dehs, Volker (2005). Jules Verne und das Hamburger Johanneum. In: Reise zum Mittelpunkt der Erde. Düsseldorf, Zürich: Artemis und Winkler: p. 419-423

Dehs, Volker (2005). Jules Verne.Biographie.Düsseldorf: Artemis &Winkler

Erich, Oswald (1934). Deutsche Volkstrachten.3.Auflage. Bibliographisches Institut. Leipzig

Heine, Heinrich (1831). Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. Sämtliche Werke in zwölf Bänden. Bd. XI, S. 37-78, Leipzig:. Max Hesses Verlag.

Heine, Heinrich (1844). Deutschland.Ein Wintermärchen. In: Sämtliche Werke in zwölf Bänden. Bd. II, S. 181-238, Leipzig:. Max Hesses Verlag.

Hirschfeld, Gerhard (2010). Geschichte des Mahnmals und der Kirchenbauten von St. Nikolai in Hamburg. Hamburg: Mahnmal St Nikolai

Meyer, Heinrich Adolf (1887). Erinnerungen an Heinrich Christian Meyer. Hamburg. Schleswig-Holstein. Landesbibliothek.

Meyer, Heinrich Adolf (1890). Erinnerungen an Dr. H.A. Meyer. Nach seinen eigenen Aufzeichnungen. Hamburg. Schleswig-Holstein. Landesbibliothek.

Moebius, Karl August (1847-1908). Tagebücher,  Archiv Zool. Institut Uni Kiel

Murray, John (1875). Handbook for travellers. Denmark with Sleswig and Holstein. Fourth edition. London: John Murray

Murray, John (1877). Handbook for North Germany and the Rhine.London: John Murray

Naturwissenschaftlicher Verein Hamburg, Verhandlungen, Bd. (NF) 30, 1988

Verne, Jules (1864). Voyage au centre de la terre. Paris : Hetzel.

V6 Souvenirs rapportés par Jules Verne de son voyage en Scandinavie de 1861. e. Prospectus illustrant l´histoire d´une église « St. Michaelis «  et de son clocher, Collection Jules Verne, Amiens.

 

Zur Lektüre empfohlen:

Verne Jules (2005). Reise zum Mittelpunkt der Erde. Roman. Aus dem Französischen neu übersetzt und herausgegeben von Volker Dehs. Düsseldorf und Zürich: Artemis und Winkler: