Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose,Ed., Kiel 2012)

 

Die englische Kanalküste

 

Donnerstag, 30. (Juni)

Um 5 Uhr 1/2 am Morgen sind wir in der Mitte des Ärmelkanals. Es ist gutes Wetter, aber eine kräftige Brise aus West bewirkt ein schweres Stampfen des Schiffes. Um 8 Uhr am Abend erreichen wir Deal. Atkins wird mit zwei bottles Wein für seine arme Frau ausgeschifft. Danach lege ich mich schlafen.

 

Nachdem sie ( die Saint-Michel) wieder durch den Eiderkanal zurückgelaufen war, ging sie vier Tage später bei Deal auf der Reede von Dunes[72] vor Anker.

 

Dort drüben war das Heimatland von Thomas Atkins. Dort sollte er seiner Familie zurückgegeben werden, wohlauf, wohlgenährt und mit einer prächtigen Bescheinigung ausgestattet, die einmal mehr seine Fähigkeiten als Pilot for the North Sea feststellte.

Es versteht sich von selbst, dass Thomas Atkins seinen berüchtigten Seesack mit sich davontrug.

Nun gut, dieser unglaubliche Sack, der schon eine ganze Welt in sich barg, und in den allem Anschein nach unmöglich auch nur eine Stecknadel zusätzlich hätte hineingedrückt werden können, dieser Sack war noch dicker und noch schwerer, als Thomas Atkins die Saint-Michel verließ. Er enthielt zusätzlich vier Flaschen erlesenen Wein, zwei Flaschen Likör und verschiedene andere Lebensmittel, die wir ihm gern für Miss Atkins geschenkt hatten, die seit zwei Jahren (,wie er sagte,)an einer schweren Krankheit leidet, die ihrem Ehemann wenig Hoffnung lässt. (Ich mußte die Krankheit gut kennenlernen, weil ich ihre Beschreibung mehr als zehn Mal im Verlaufe unserer Reise auszuhalten hatte).

 

Was mich besonders verblüffte war, dass diese Stärkungsmittel für Mistress Atkins erforderlich waren. Mögen sich die, die dieser Mustergatte ihr mitbrachte, wohltuend ausgewirkt haben. Aber ich werde mich nicht dafür verbürgen, dass sie nicht den verkehrten Weg eingeschlagen haben, und dass sie nicht unnötigerweise den "gentleman" gestärkt haben, zum großen Nachteil für seine reizvolle bessere Hälfte, falls diese damit für die Genesung gerechnet haben sollte!

 

Es verblieb die Zahlung der Abrechnung für den einmonatigen Lotsendienst quer durch die Nordsee, und sie ging ohne Schwierigkeiten ab.

Die Zahlung belief sich auf einen beachtlichen Betrag, der anerkannt wurde. Thomas Atkins, der an Bord der Saint-Michel gekommen war, um sich dort eine halbe Stunde für einen Lohn von einem halben Pfund aufzuhalten, war dort siebenundzwanzig Tage für einen Lohn von dreissig geblieben.

Diese Summe wurde also in schönen, goldenen Louisd'ors auf dem Tisch des Speisesalons hingezählt - das englische Pfund zu fünfundzwanzig Francs fünfundzwanzig Centimes umgerechnet- und mit einigem englischen Kleingeld streng genau vervollständigt.

Thomas Atkins's Auge blitzte auf; dann verschwand das Ganze nicht ohne Dank in seiner gewaltigen Hosentasche.

In diesem Augenblick war das kleine Boot ausgerüstet. Der "gentleman" stieg in es hinab und hielt auf den Pier von Deal zu, dem sich unsere Yacht bis auf weniger als eine Kabellänge angenähert hatte.

 

Aber da trat mit fassungsloser Miene der Schiffsjunge an meinen Bruder heran und sprach ihn an:

"Monsieur!"

"Um Gottes Willen, was ist los?"

"Monsieur, er nimmt in seinem Seesack ein Stück Seife von Bord mit!

"Oh, Moses! Das ist doch nicht fein", erwiderte mein Bruder scherzhaft, "und es verwundert mich bei einem so ehrbaren Mann wie dem braven Thomas Atkins!"

"Eh, aber nein!" rief ich, "selbst das kann man ihm nicht vorwerfen! Da kommt das Boot mit Thomas Atkins zurück, der uns das Stück Seife wieder bringt!"

Tatsächlich legte sich das Boot an die Bordwand und der "gentleman" gab uns einen kleinen Wink mit der Hand.

Am Fallreep angekommen stoppte das Boot, und, aufrecht achtern in dem kleinen Fahrzeug stehend, wollte Thomas Atkins gerade das Wort an mich richten, als ich ihm dadurch zuvor kam, dass ich sagte:

"Aber nun, mein Freund!", sagte ich, "das war doch wirklich nicht der Mühe wert, wegen solch einer Nichtigkeit zurückzukommen!"

 

"Nichtigkeit?" antwortete Thomas Atkins in seinem sanftesten Englisch, "aber Monsieur, Sie haben mir ja das Pfund nur in fünfundzwanzig Francs fünfundzwanzig umgerechnet!"

"Gewiss", antwortete ich, ziemlich überrascht durch diese unvermutete Bemerkung. "Ist das denn nicht sein Wert zum Tageskurs?"

"Nicht ganz", erwiderte der "gentleman", "er beträgt fünfundzwanzig Francs sechsundzwanzig, und Sie schulden mir noch drei Pence!"

"Drei Pence! Sechs Sous! Hier sind sie, mein wackrer Atkins, und jetzt sind wir quitt, nicht wahr?"

"All right, meine Herren."

"All right!"

 

Freitag, 1. Juli

Um 2 Uhr am Morgen ist die St. Michel wieder ausgelaufen. Gutes Wetter. Die Küste. An Dover, Folkestone, dem Kap Dungeness vorbei. Es kommt eine Brise auf. Zwei Stunden lang haben wir alle unteren Segel gesetzt. Die englische Küste. Newhaven, das herrliche Brighton. Die Isle of Wight kommt in Sicht. Die gepanzerten Forts. Wir fahren ohne Lotsen ein. Bei der Fahrt durch die enge westliche Fahrrinne berühren wir leicht den Grund. Dann ankern wir vor Ryde. Es ist 5 Uhr. Es liegen dort schon einige Yachten. Darunter zwei schöne Goeletten. Die Schaluppe Sirex. Sie gehört wahrscheinlich einem Franzosen. Wir gehen von Bord und besichtigen Ryde. Der Pier. Die Straßen. Um 9 Uhr lege ich mich schlafen.

 

 

Sonnabend, 2. Juli

Aufgestanden um 6 Uhr. Schönes Wetter. Paul geht wegen der Kohle an Land. 4 Tonnen zu 30 Schilling die Tonne, alles frei Bord geliefert. Abfahrt nach Portsmouth. Wir schauen uns den Hafen an. Die Yachten der Königin und des Prinzen. Die Sunbeam von Ferne, Brassey, die Victory, Bellerophon. Es ist nicht möglich, den Militärhafen zu besichtigen. Das Angebot zu (?) bei der Admiralität. Wir schauen uns die Stadt an. Michel Strogoff = die Sonne nimmt die Gestalt eines Ballons an. Große Wolkenflügel.Um 5 Uhr kehren wir an Bord zurück. Diner. Am Abend um 8 Uhr laufen wir aus. Es ist eine schöne Nacht. Nur wenige Schiffe kreuzen unseren Weg.

 

 


[72] The Downs