Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens

von Friedemann Prose ( Kiel 2012, Ed.))

Auf dem Eiderkanal nach Kiel zur Ostsee

 

Freitag, 17. Juni

Am Morgen kommt Monsieur Lund, ein dänischer[24] Kanalinspekteur an Bord. Der Klüverbaum wird abgebaut. Um 8 Uhr fahren wir mit einem anderen Lotsen wieder ab.

Wir sehen die Strafanstalt- das Zuchthaus- liegen. Der Fluß bildet wegen der Querung durch die Eisenbahnbrücke einen See. Man hat uns geraten, dem Lotsen nichts zu trinken anzubieten.

 

 

( am Unterrand das Kanalprofil mit 5 Schleusen)

Man kann sich die Pracht der Pflanzenwelt in diesen Landen des Nordens gar nicht ausmalen. Es scheint, als ob die Natur, nach ihrem langen Schlaf der sechs Monate Winter, umso leidenschaftlicher zum Leben erwacht. Sie beeilt sich, sich mit ihrem Frühlingsgrün zu schmücken, so als wolle sie die trüben und düsteren Tage der rauhen Jahreszeit schnell vergessen machen. Die Feldblumen warten nicht einmal ab, bis der Schnee geschmolzen ist; die Knospen lassen die zarte Eisschicht bersten, die die durch den Saft erwärmten Zweige noch bedeckt,   und alles entfaltet sich auf einmal mit einer Lebenskraft, die in unserem gemäßigten Klima nicht vorzufinden ist.

 

Von Rendsburg bis zur ausgedehnten Bucht von Kiel durchfährt man einen wahren Park, eine Art von Saint-Cloud, dessen Bäume zweihundert Fuß hoch sind. Es handelt sich hauptsächlich um Buchen, die an die Stelle der Eichen und Tannen der Eiszeit getreten sind. Hier verbreitert sich die Eider zu aufeinanderfolgenden weiten Becken mit tiefen und ruhigen Wasserflächen, die das Bild ihrer malerischen Ufer unverzerrt widerspiegeln. Weiter entfernt verengt sich der Fluss und schlängelt sich in Kurven und Windungen dahin, inmitten großer Bäume, die sich in der Höhe vereinen und ein verästeltes Gewölbe bilden, das für die Sonnenstrahlen undurchdringlich ist. Die Yacht fährt sachte gleitend unter dem geheimnisvollen schattigen Laubwerk, zwischen mächtigen hölzernen Baken und den geflochtenen Befestigungen der steilen Ufer, vorbei. Sie scheint ins Unbekannte zu reisen. Um sie herum ist alles nur Blattwerk, und der Fluss verschwindet in einem Wirrwarr von grünem Laub. Das Schilfrohr verneigt sich vor unserer unerwarteten Erscheinung; Wasserpflanzen mit großflächigen ruhigen Blättern schwanken einen Augenblick auf und ab und verschwinden, wie von einem jähen Schrecken gepackt, in den Wellentälern.   Und, wie um dieser köstlichen Landschaft ihr besonderes Gepräge zu geben, betrachten, während die Distelfinken in das Gebüsch entweichen, die reglosen Störche ohne Scheu unsere Vorbeifahrt, um sich danach mit raschem Flug zu erheben und sich in einem Baumwipfel oder über dem kleinen grünen Dreieck, das am First der (in Blumen vergrabenen) Bauernhöfe abgeteilt ist, niederzulassen.

 

( Wir müssen anerkennen, dass die deutschen Offiziere, wenn sie uns über dieses hinreißende Land erzählten, nichts übertrieben haben und wir erklärten uns daraus, neben anderen Beweggründen, warum Herr von Bismarck, trotz sehr förmlicher Verpflichtungen, sich nicht darum kümmerte, Schleswig-Holstein an Dänemark zurückzugeben.

„Beati possidentes“, hat der große Kanzler gesagt. Dieser zynische und spöttische Ausspruch sollte vor allem der dänischen Regierung, aber schließlich auch den Einwohnern von Schleswig-Holstein, ihrem kaum verhüllten Sehnen zum Trotz, keine Hoffnung   lassen.

„Wir sind die Elsaß-Lothringer des Nordens“, sagten sie uns, „und wir können unsere Herren nicht ausstehen“.

 

Diese Empfindungen, die bei mehreren Gelegenheiten hervorbrachen, scheinen derzeit der vorherrschende Grundton zu sein. Aber es gibt keinen, der schlimmer von Taubheit geschlagen ist, als denjenigen, der nicht zuhören will; und es sind nicht diese platonischen Wehklagen, die Grund wären für eine überdies eigennützige Harthörigkeit, wie sie die des deutschen Kanzlers ist.

Es ist nicht meine Absicht, hier Politik zu treiben. Ich berichte nur das, was wir gesehen und gehört haben.)

 

In Rendsburg haben wir am 17. Juni um acht Uhr morgens abgelegt und nachdem wir vor der großen Gefängnisanstalt vorbeigefahren waren, die stromaufwärts der Stadt errichtet worden ist, kamen wir auf der Reede von Kiel um fünf Uhr des abends an. Wir hatten vorschriftsmäßig sechs Schleusen, zwei Eisenbahn-Drehbrücken und vier oder fünf gewöhnliche Klappbrücken hinter uns zu lassen. Diese sind von bemerkenswerter Einfachheit: zwei Männer, einer auf jedem Ufer, reichen aus, um sie mit Hilfe eines ausgeklügelten Systems von Gegengewichten in wenigen Sekunden zu bedienen.

 

Was stellt man an, während die Yacht sich mit dem Wasser der Schleusenkammer senkt oder hebt, je nachdem ob sie sich auf der einen oder der anderen Seite des höher gelegenen Wasserpegels befindet? Man geht auf den Treidelpfaden spazieren, die so gepflegt sind wie die Alleen eines Parks; man streckt sich unter dem schattigen Laubwerk aus, das so dicht ist, dass die Sonne es nicht durchdringen kann. Hübsche Gasthäuser, die am Rande des Treidelpfades erbaut wurden, laden dich an ihre angestrichenen Holztische, auf denen ein vorzügliches Bier schäumt. Das alles ist fröhlich, munter, adrett, bezaubernd.

Also, wie ich schon erzählt habe, ist die Eider äußerst windungsreich, ganz zu schweigen davon, dass sie unaufhörlich von Galioten[25] oder sogar kleinen Dampfschiffen, beladen mit Touristen, Musik auf dem Vorderdeck, durchfahren wird. Aber von Rendsburg bis Kiel entwickelt sie, mit Ausnahme einiger Stellen, eine übermäßige Enge. Das macht die vielen Wenden zusätzlich schwierig, und man darf die Yacht nur in Bewegung setzen, wenn man eine Verbindungstrosse zum Land ausbringt, um den Bug rasch herumzuholen. Die Bedienung des Steuerruders reicht nicht aus, und etwas längere Seeschiffe haben in diesen scharfen Kurven große Schwierigkeiten. Die Regierung sinnt denn auch darauf, einen geraden Kanal mit großem Querschnitt zu schaffen, der Schiffsbauten aller Abmessungen aufnehmen könnte, die Kriegsschiffe inbegriffen. Die beiden Militärhäfen in Wilhelmshaven und Kiel würden dadurch miteinander in Verbindung gebracht und könnten sich gegenseitig Unterstützung leisten[26].

Und Thomas Atkins, wird man mich fragen, was ist aus diesem vortrefflichen Thomas Atkins geworden? Haben wir ihn an Bord der Saint-Michel gehalten? Und, im Falle einer bestätigenden Antwort, wie konnte er sich dort gut machen, nachdem seine Aufklärungen unnütz geworden waren?

Die Antwort ist sehr einfach: ja, wir haben den "gentleman" bei uns behalten. An ihn gewöhnt, an sein grobes rotes und so blühendes Gesicht, das die vorzügliche Verpflegung auf der Yacht bezeugte, hätte er uns mit Sicherheit gefehlt. Man muss auch hinzufügen, dass er, um an Bord zu bleiben, den Vorschlag gemacht hatte uns mit Preisnachlass nach Deal zurückzuführen! Ja, mit Preisnachlass: für nur fünf Pfund!

Auf den ersten Blick ist das unglaublich; aber wenn man darüber nachdenkt, dann erkennt man ein wohlüberlegtes, profundes finanzielles System, das ihm eine Menge Vorteile bot:

  1. Thomas Atkins vermied so die Ausgaben, die zu seinen Lasten gingen, für den Paketdampfer von Tönning nach Hamburg und von Hamburg zur englischen Küste, ein sehr wichtiger Punkt;
  2. er nutzte den Aufenthalt an Bord der Saint-Michel um französisch zu lernen.

 

Mein Gott, ja, und sein Weg war sogar äußerst sinnreich. Er hatte dazu noch ein recht sinnreiches Mittel gewählt. Er hatte sich innig mit unserem Smutje befreundet, dem er zahlreiche Dienste erwies: er putzte die Möhren, wusch den Salat, machte die Beefsteaks mürbe, in dem er sie – nicht zuviel, nicht zu wenig, mit einer Macht klopfte, die sie hätte pulverisieren können. Außerdem begleitete er den Küchenchef auf den Markt, und veranlasste ihn immer dazu, die Dinge einzukaufen, die er, Atkins, bevorzugte, - vor allem Fisch, für den er, wie er öffentlich bekannte, die Verehrung des ehemaligen Fischers empfand. So wie er ihn wohl zuzubereiten verstand, so verstand er es auch, ihn gehörig zu verspeisen!

 

Aber, wird man sagen, das Französisch! Auf welche Weise lernte er das? Vor allem, obwohl er weder französisch sprach, noch deutsch, noch dänisch, noch holländisch, diente Thomas Atkins als Übersetzer zwischen unserem Smutje, der von dem gar nichts verstand, und den verschiedenen Ausrüstern der Yacht. Wie er das anfing, vermag ich nicht zu erklären, ich stelle es fest.

Überdies waren seine Beziehungen zu unserem Moses außerordentlich häufig:

,,Moses, ein Glas Wein!"

,,Moses, ein Glas Bier!"

"Moses, ein Glas Aquavit!"

"Moses, ein Glas Wasser!"

Das Letztere allerdings sehr selten.

Und wie sich diese Konversation mehrere Male am Tag wiederholte, erlernte Thomas Atkins von unserer Sprache das, was in ihr für eine angelsächsische Kehle am notwendigsten ist, und versorgte zugleich seinen Magen bei einem vortrefflichen Stimmumfang. Vorzugeben, dass der "gentleman" das Französische gründlich beherrschte als er uns verließ, wäre vielleicht etwas zu weit gegangen, aber er kannte die gesittete Art, sich ein kleines Glas beliebigen Inhalts servieren zu lassen. Das war der Grundstock seines Wortschatzes, zusammen mit einem Negerwort, bono, das er niemals zu verwenden versäumte, wenn er zufrieden war

 

 

Freitag, 17. Juni (Fortsetzung):

Für uns ist es eine bewundernswerte Durchreise. Die Landschaft ist grün. Ein wahrer Park. Die prächtigen Bäume. Die Enge des Flußbettes. Ein mit Menschen vollbeladener kleiner Dampfer taucht auf. Schließlich sind wir an der vorletzten Schleuse angelangt. Unsere Befürchtung, diese Schleuse sei zu kurz für die St. Michel. Die Wirtshäuser an den Schleusen sind mit ihrem rotem Dach unter dem dichten Grün der Bäume bezaubernd. Das Wetter ist wunderbar.

 

 


[24] 1884: "Die Aufsicht über die Schiffahrt auf dem Kanal und der Eider liegt gegenwärtig in der Hand des Schifffahrts-Inspektorats (Herrn Schifffahrts-Inspektor Lund) zu Rendsburg.

[25] Zweimastige Flachgatter, ähnlich den holländischen Tjalks.

[26] Dieser Kanal wurde als Kaiser-Wilhelm-Kanal gebaut und 1895 eröffnet (heute Nord-Ostsee-Kanal oder Kiel Canal).