Die Eider hinauf nach Rendsburg

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

Die Eider hinauf nach Rendsburg

 

Donnerstag, 16. (Juni). (Fortsetzung):

Wir fahren ab. Der See, der Fluss. Die Schleifen des Flusses. Die Ländereien sind nicht als Äcker kultiviert. Überall Wiesen, Kühe, Pferde. Die Störche.

 

 

 

Im ersten Teil der Fahrt geht es diesen bezaubernden Fluss der Eider hinauf, der sicherlich der windungsreichste ist, den man sich vorstellen kann. Seine Mäander sind dermaßen launenhaft, dass man oft beinahe eine Kehrtwende macht, und ich schätze man muss, um von Tönning nach Rendsburg zu kommen, mindestens hundertfünfzig Kilometer durchreisen, während es Luftlinie nicht mehr als achtzig sind.

Die Gegend ist flach, aber sehr grün. Sie ist mit vielen Weiden bedeckt, auf denen sich, zu Hunderten verstreut, Pferde, Schafe und Kühe hingebungsvoll einen satten Bauch anfressen. Hin und wieder einige bewaldete Hügel, Fabriken und Bauernhöfe, die mit gewaltigen Strohdächern bedeckt sind. Ihre sehr niedrigen Backsteinmauern werden durch die grauen Pfosten der Fenster mit grünen Fensterläden belebt. Dann ein oder zwei Städtchen, Friedrichstadt, Erfde, Wittenbergen[22], die versteckt zwischen den Bäumen liegen. Der Fluss ist tief eingeschnitten, aber das Fahrwasser ist nicht immer frei, denn der Verkehr von Küstenschiffen aller Art ist dort sehr dicht. Es sind vor allem Galioten, rote, blaue, grüne, die wahrlich ein schwimmendes "home" für die Familie des Schiffers darstellen und deren großes gelbes Segel kräftig von der Landschaft absticht. Wegen des Schiffsverkehrs lief, trotz der Geschicklichkeit des holsteinischen Lotsen, die Saint-Michel doch einmal mit dem Achtersteven auf Grund und es gelang nur mit Mühe, sie wieder flott zu machen.

 

In Rendsburg, wo wir gegen sechs Uhr abends ankommen, befindet sich die erste Schleuse. Können wir durch? Auf den ersten Blick sind Zweifel daran erlaubt. Die Schleusenkammer ist so kurz! Unsere Beunruhigung dauerte nicht lange: nach zwei Minuten ist die Yacht durchgeschleust, aber so knapp, dass wir, um die folgenden Schleusen, die etwas kürzer sind, überwinden zu können, notgedrungen den Klüverbaum abbauen mussten, - eine langwierige und heikle Maßnahme, die wir ohne weiteres Zögern durchführen (n. Jules Verne geschah dies erst am nächsten Morgen, s.u.). Zum Glück war es nicht nötig, das Namensschild am Bug zu opfern.

 

Das Rendsburger Wochenblatt brachte am 18. Juni 1881 mit Berichtsdatum vom Vortag eine Notiz zu Vernes Passage:
Rendsburg, 17. Juni. Ein mit Schooner-Takelage versehener franz. Vergnügungsdampfer passierte gestern Abend auf der Fahrt von Westen nach Osten unsere Schleuse. Derselbe kam zunächst von Wilhelmshaven   und ging heute Morgen nach Kiel. Am Bord desselben befindet sich der in neuerer Zeit durch seine Schriften auch in Deutschland bekannte französ. Schriftsteller Verne.

 

 

Wie hat man es nun aber bewerkstelligt, durch die Schleusen, die so knapp für die Saint-Michel passen, das deutsche Kanonenboot hindurchzubekommen, das zwei Meter länger als diese ist?

 

Das haben wir erst in Rendsburg herausbekommen. Der Generalinspektor des Kanals erläuterte uns, um das Kanonenboot durchschleusen zu können, habe man die Schleusenkammern verlängern müssen, indem man behelfsmäßige Tore baute. Diese Anstrengung war mit großen Kosten verbunden, aber sie war zwingend geboten. Es war während des Krieges. Die Deutschen fürchteten einen Angriff der französischen Flotte auf Wilhelmshaven, das noch nicht in der Verteidigungsbereitschaft war, in der es heute ist. Daher durften sie auch nicht zögern, die notwendigen Summen zu opfern, um die zwei oder drei Kanonenboote die man brauchte, um den Ort zu verteidigen, da wir ja das Meer beherrschten, durch den Kanal fahren zu lassen.

Ohne Zweifel, wenn wir diese Einzelheiten schon vor der Abreise aus Wilhelmshaven gekannt hätten, so würden wir das Abenteuer nicht gewagt haben: eine Haaresbreite, und die Saint-Michel hätte nicht passieren können! Fünfundzwanzig Zentimeter Länge mehr, und sie hätte sofort umkehren und dabei die Maschine für mehrere Stunden achteraus laufen lassen müssen, da es keine Möglichkeit zum Wenden gab. Dies wäre sicherlich ein äußerst unangenehmes Scheitern gewesen.

 

Rendsburg, vor der Annektion eine der bedeutenden Städte Dänemarks, ist durch seine Lage ein wichtiger Ort. Schon im Altertum konnte es an eines seiner Tore schreiben:  

 

Eydora Romani terminus imperii.

 

In der Tat ist die Eider eine der Grenzen gewesen, welche die römische Eroberung nicht überwinden konnte. Jetzt ist Rendsburg der Sitz des[23] 11ten Korps der deutschen Armee. Die Stadt bietet nicht viel Interessantes, aber die Umgebung ist sehr malerisch. Der Park mit seinen hohen Bäumen, deren tiefste Äste ihre Blätter fast in die Eider tauchen, ist bezaubernd.

 

Donnerstag, 16. (Juni). (Fortsetzung):

Um 6 Uhr kommen wir, nachdem wir auf Grund gelaufen und wieder flott gemacht sind, in Rendsburg an. Die St. Michel passiert die erste Schleuse. Wir machen einen Spaziergang in der Stadt. Die Kaserne, eine Brigade, das Menschengedränge, die hübschen Gärten und die schönen Bäume fallen uns auf. Ich habe in einem Café einen Brief an Honorinegeschrieben. Um 9 Uhr 1/2 bin ich Schlafen gegangen.

 

 

[22] In der Hartleben-Übersetzung heißt es: "Friedrichstadt, Erfde, Hohe Fähre und andere Flecken". Das weggelassene Wittenbergen ist allerdings heute als Ort auf keiner Karte auffindbar. Aber zumindest einen entsprechenden Flurnamen hat es in der Umgebung von Schülp bei Rendsburg gegeben. Bei Wittenbergen war der Übergang von der Eider in den Kanal. Bei dem in der Hartleben-Übersetzung eingesetzten Hohe Fähre kann es sich nur um Hohner Fähre handeln, ein Ort an der Eider, der in der schleswig-holsteinischen Sagenwelt ("Die Unterirdischen wandern aus") eine Rolle spielt.

[23] Kommando des