Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose,Ed., Kiel 2012)

 

 Wieder durch Schleswig-Holstein

 

Montag, 27. Juni

Um 7 Uhr sind wir mit Verspätung am Kanal angekommen. Es stand kein Lotse zur Verfügung. Warten. Wir machen einen Spaziergang in einem schönen Wald. Der Lotse ist da. Um 3 Uhr fahren wir ab. Die 2te Schleuse. Hier findet ein Fest statt[71]. Musik. Madame von Crismani, eine liebe Österreicherin, besucht mit ihren beiden Brüdern das Boot. Es ist ein herrliches Land. Über die Keuschheit der Kopenhagener Ballett-Truppe wird erzählt. Die Offiziere heiraten Schauspielerinnen oder Tänzerinnen, die Statuszeichen innerhalb der Gesellschaft sind.

 

Der Anblick des Kanals stimmt am Abend noch melancholischer. Die Ruhe. Der wie ein Binnensee wirkende Kanal. Um 10 Uhr haben wir an der 4 ten Schleuse festgemacht. Dort wurde die Nacht verbracht.

 

 

Dienstag, 28. Juni

Um 5 Uhr legen wir wieder ab. Das Wetter ist gut. Der Kanal. Das Schilfrohr, das sich senkt. Die weißen Schwäne, Kraniche, Störche. Ein Schiff mit Namen Margridha. Dann die Strafanstalt vor Rendsburg. Wir passieren die Eisenbahnbrücke. Um 8 Uhr kommen wir in Rendsburg an. Am Ufer Mutterschafe, Ziegen, ein See kurz hinter der Strafanstalt. Rote Mauern aus Ziegelstein. Das System, nach dem man die Mauern aufbaut. Ein Wachtposten der Soldaten. Die Häuser haben große Strohdächer, kleine rote Ziegelmauern, die kurzen Balken darin und die Fensterläden sind grün. Die Mauern sind sehr niedrig.

 

Man redet von der Rache des Holsteiners. Er muß gegen seinen Willen deutscher Soldat sein. Seine Flucht und die Verfolgung. Um ihn festzunehmen muss die ganze überlegene Macht zusammengenommen werden.

 

 

Es wirkt so, als ob der Strom Dampfer und Galioten verschlingt. Er überschwemmt die Landschaft und das höhergelegene Flußbett scheint sich gänzlich zu entleeren. Das Schiff Ernst zieht vorbei. Mühlen mit weißen Fenstern. Ein kleiner grüner Winkel an der Spitze des Giebels. Wieder Mühlen. Ein Brunnen. Ein kleiner Friedhof an einer Kirche aus Ziegelstein. Ein Café in einer Mühle. Gelbe Fähren. Klappbrücken. Schleusen.

Von Tönning bis Rendsburg bietet der Kanal großartige Perspektiven. Die Galiote Kunog begegnet uns. Die Tide wirkt sich von Tönning bis nach Rendsburg aus. Grüne, gelbe, rote Galioten sind unterwegs. Sie entschwinden in die Landschaft hinein. Gelbe Segel sind über dem Land zu sehen. In den Mäandern gibt es Strömung. Recht nahe am Ufer der Eider. Ausgedehnte Weideflächen mit Kühen, Hammeln und Enten. Es ist kein Anbau von Getreide zu entdecken. Die Galioten sind mit Holz oder Heu beladen. Sie sind tief bis zur Wasserlinie eingetaucht. Die Bauernhöfe liegen vereinzelt in großen Baumgruppen.

 

Wir haben Rendsburg um 9 Uhr ½ verlassen. Die Lotsen mit den großen Bärten rauchen den ganzen Tag lang. Im Fluß befinden sich kräftige Holzbaken. Manchmal stehen sie auch auf dem Ufer. Klägliche Baumstämme, die aussehen, als ob sie um Almosen bitten.

Die Holländer sagen: die Deutschen können uns vielleicht verschlingen, aber nicht verdauen.

 

Ein Storch hat sich auf dem Aststumpf eines von der Rinde entblößten Baumstammes niedergelassen. Am Horizont sind große Wälder zu sehen. Der Lotse fährt in diesem Kanal- stück alle Geschwindigkeitsmöglichkeiten aus. Manchmal sind Sänger entlang den Üferböschungen zu hören. Es sind Stieglitze, die in den großen Gräsern sitzen und singen. Wir erblicken enorm große Schnecken. An den Ufern gibt es 2 Treidelpfade. Der eine an Land ist für die Pferde. Er verläuft auf der rechten Seite den Fluß hinab in Richtung Tönning. Der andere führt durch die großen Gräser am linken Ufer. Das Schilf dort ist so hoch, dass ein Mann darin verschwindet. Kraniche oder Störche fliegen langausgestreckt vorbei. Die Galioten sind mit Seitenschwertern ausgestattet. Sie sind mit Torf beladen.

 

 

 

Das Gewässer ist von Tönning bis Rendsburg gelb und schlammig, schwärzlich und bituminös dagegen von Rendsburg bis zur Reede von Kiel (Holstein). Auf den Ufern stehen jetzt Ähren. Wir fahren an kleinen Schleusen für die Einmündungen der vielfältigen Auen[1] vorbei. Die St. Michel liefert sich eine Wettfahrt mit der Pireus und der Henri.

 

Es wird gesagt, dass die Holländer im Utrechter Land entschlossen sind, im Falle eines Krieges mit Deutschland ihre Deiche zu brechen und das Land zu opfern.

 

Die Galiote Ora et labora kommt uns entgegen. Wir passieren Friedrichstadt[1]. Um 4 Uhr Ankunft in Tönning. Das Boot wird mit Kohle versorgt. Ich steige von Bord um zur Post zu gehen und besichtige Tönning zusammen mit dem Lotsen Atkins. Wieder zurück an Deck. Nachdem wir 9 Tonnen Kohle geladen haben, lege ich mich schlafen.

 

Mittwoch, 29. Juni

Wir laufen um 2 Uhr ½ des Morgens aus. Die Eider hat bis zur Mündung Mäander. Während des ganzen Tages weht uns der Westwind entgegen. Wir haben einen klare Sicht auf Helgoland mit seinen roten Felsen. Die Insel sieht aus wie das Haupt der Sphinx. Wir haben uns sehr bemüht, die Bäume dort zu zählen!! Das Meer wirkt verlassen. 10 Uhr. Wir sichten ein neues Leuchtfeuer zwischen Terschelling und Texel.

 

Anmerkung F.P.: Jules und Paul Verne haben über die Pläne geschrieben, den Eiderkanal durch einen größeren Kanal zu ersetzen und über die geplanten militärischen Befestigungsanlagen rund um die Förde. Innerhalb weniger Jahre nach der Durchreise der Franzosen wurde dies alles umgesetzt. Im Vergleich zur Karte der Kieler Förde 1881 ergab sich dami eine völlig eränderte Situation:

 


 [71] Am 26. Juni 1881 findet sich folgende Anzeige in der Kieler Zeitung: "GERMANIA. Erstes Sommervergnügen auf Knoop. Montag den 27. Juni. Abfahrt von Kiel Nachmittags 2 und 6 Uhr. Damenanmeldung den 26. Juni, Abends von 8-10 Uhr im Vereinslokal Faulstr. 9. Die Direction."