Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

Von Boulogne über Deal zur Maas

 

Die "Saint Michel III"

 

Mittwoch, 1. Juni 1881

Wir sind nach Boulogne abgereist. Godefroy und ich.

 

Donnerstag, 2. Juni

Das Aviso-Schiff Elan liegt hier. Paul und Gaston werden mit der St. Michel erwartet.

 

Freitag, 3. Juni

Es herrscht Nebel. Die St. Michel kommt um 3 Uhr an. Sie hatte sich mit Paul und Gaston in Höhe der Seine-Mündung auf Felsen gesetzt.

 

 

 

 

Sonnabend, 4. Juni

Um 4 Uhr ausgelaufen. Ruhige See. Wir haben die Tour nach Dover gemacht. Die Fähre Calais und Dover mit den 4 Schornsteinen kam in Sicht. Wir lagen vor Deal und haben dort einen Lotsen nach Rotterdam genommen. Er kostet 200 Franc.


Mister Harry Thomas Atkins, Pilot for the Channel and the North sea, wie seine Karte besagte, befand sich - ein wenig gegen unseren Willen - mit an Bord. Wir hatten ihn in Deal angeheuert, um die Saint-Michel zu lotsen, aber nur durch die engen Durchfahrten der Reede von Dunes[1] hinaus, wegen des dichten Nebels, der am Nachmittag des 4. Juni heraufzuziehen drohte; aber er, immer nach dem Pfund Sterling auf der Lauer, hatte es am Ende mit der Hartnäckigkeit, die dem englischen Volk zu eigen ist, geschafft, uns von seiner "Unentbehrlichkeit" für die Kreuzfahrt zu überzeugen, die unsere Yacht sich anschickte zu unternehmen.

Es ist schon eine eigenartige Geschichte, die von diesem "gentleman“, der ungeachtet unserer wiederholten Abweisungen an Bord der Saint-Michel steigt und es fertigbringt, sich dort trotz unseres Widerstandes einzupflanzen.

Thomas Atkins ist ein Mann von mittlerer Größe, mit breitem Gesicht, breitschultrig, mit umfänglichem Bauch, mit einem Wort: ganz die Breite, fest hingestellt auf seinen großen Füssen, die in weiten Schuhen ohne Absätze vergraben sind. Sein Gesichtsausdruck war einnehmend, die Augen blau, die Nase geradlinig,- eine dieser Nasen, die mit optischen Eigenschaften ausgestattet zu sein scheinen,- die Gesichtsfarbe war gebräunt und spielte ins Ziegelrot, ein Bärtchen um das Kinn, ohne Backen- und Schnurrbart, kurz, eine richtige Seemannsgestalt.

Thomas Atkins sprach mit einer klaren Stimme, die in der Lage ist, das Getöse des Windes zu übertönen, aber er kannte nicht einmal zwei französische Wörter. Glücklicherweise konnte ich genug Englisch, um ihn zu verstehen. .

"Aber wir benötigen Ihre Dienste nicht, Thomas Atkins!“ teilte ich ihm mit. "Unser Kapitän ist vollkommen imstande uns zu führen! Er kennt die Nordsee, weil er mehr als zwanzigmal während seiner dreissig Schiffahrtsjahre dorthin gekommen ist, und er wird ganz genauso gut von Leuchtfeuer zu Leuchtfeuer fahren wie der beste Lotse von der Reede Dunes[2]!

"Aoh, yes", erwiderte der "gentleman". "Aber die Strömungen, die Sandbänke, die Nebel, vor allem die dichten Nebel, die in dieser Sommerzeit so häufig sind, und die es weder zulassen die Leuchtfeuer noch die Küste zu finden. Was machen Sie dann? Ah!“ fügte er mit Schwermut hinzu und hob seine großen hellen Augen gen Himmel, "wie viele Kapitäne, und die Besten, haben sich verfahren, weil sie meine Dienste nicht annehmen wollten!“

Nun kam ein Namensregister der Seeschiffe aller Nationen, die gestrandet oder sogar mit Mann und Maus verloren gegangen sind, weil sie Hinweise des Mannes missachteten, der in allen Küstenstrichen der Nordsee unentbehrlich ist. Dann erfolgte die Vorlage unzähliger Zeugnisse auf dänisch, auf russisch, auf italienisch, auf deutsch, von denen wir kein einziges Wort verstanden, mit Ausnahme einer Bescheinigung auf französisch, unterzeichnet von M. E. Pérignon, Eigner der Dampf-Yacht Fauvette und Vizepräsident des Yacht-Clubs von Frankreich. Unter dieser Lawine von guten und schlechten Gründen ermattete unser Widerstand sichtlich und wurde der Angreifer immer kühner. Schließlich blieb uns, nach einer sehr ehrenwerten Abwehr, nichts anderes übrig als zu kapitulieren.

 

 

Aber was für ein Sack, großer Gott! Wir nahmen also das Angebot von Thomas Atkins an, die Saint-Michel von Deal nach Rotterdam zu führen. Freilich musste sich das Lotsenhonorar eine hinsichtlich des Gewinns für den "gentleman" recht schmerzhafte Beschneidung gefallen lassen: es wurde von fünfzehn Pfund, die er zunächst forderte, auf acht Pfund verringert, das entspricht einer Preisminderung um fast   fünfzig Prozent!

 

In diesem Moment sahen wir auf einen Wink von Thomas Atkins hin am Boden des Kahns, der ihn herangebracht hatte, geschmückt mit seinen eigenen drei Initialen, den Sack aus grobem gewachsten Leinen zum Vorschein kommen, den jeder Lotse, der etwas auf sich hält, beständig mit sich führt. Aber was für ein Sack war das, großer Gott! ein Meter fünfzig hoch und fünfzig Zentimeter dick, vollgestopft bis zum Rand, verschnürt wie eine Wurst und dermaßen schwer, dass man zwei Mann brauchte, um ihn an Bord zu hieven. Ich glaubte, dass sich die unter dieser außergewöhnlichen Last gedemütigte Saint-Michel schief legen werde wie ein einfaches Walfangboot.

 

 

 

Sonnabend, 4. Juni ( Fortsetzung):

Die Überfahrt war großartig. Alle Segel oben. Schlaffer Wind.

Der Wind frischte auf. Wir hatten den Lotsen um 7 Uhr abends übernommen. In der Nacht liefen wir in die Maas ein. Es gab Schwierigkeiten. Das Schiff lief volle Kraft. Um 10 Uhr gingen wir vor Anker.

 

Sonntag, 5. Juni

Um 4 Uhr morgens fuhren wir wieder los. Es ging die Maas hinauf. Auf dem Fluß war großer Schiffsverkehr. Vor Rotterdam wurde der Anker geworfen...

 

 

 

Der Nieuwe Rotterdamse Courant N.R.C. notiert am 7. Juni 1881 in seiner Rubrik „Scheepvaart. Zeeberichten“ als in Maassluis am 5. Juni angekommen die Saint Michel, Colhy, Deal.

Auch das Rotterdamsch Nieuwsblad Nr. 979 vom Mittwoch, d. 8. Juni 1881, bringt unter "Zeetijdingen" (Schifffahrtsnachrichten)

 

für den 5. Juni (Pfingstsonntag) eine gleichlautende Meldung. Da die „Zeetijdingen“ bzw. „Zeeberichten“ üblicherweise den Namen des Schiffes, den Namen des Kaptitäns sowie den Abfahrtshafen nennen, dürfte es sich bei Colhy um ein Mißverstehen des Namens von Kapitän Ollive handeln.

 

 

Nach einer raschen Überfahrt von der englischen Küste nach der Maas waren wir am 5. Juni von Deal[3] in Rotterdam angekommen. Am 10. Juni lagen wir dort, durch das stürmische Wetter aufgehalten, immer noch. Der Nordwestwind, der mit Macht blies, rannte gegen die holländische Küste und die See war absolut unbefahrbar für uns. Trotz ihrer hervorragenden nautischen Eigenschaften und der Perfektion ihrer Maschine wäre es in der Tat äußerst unbesonnen gewesen, mit unserer Dampf-Yacht Saint-Michel dem Wüten der Nordsee in diesen furchterregenden Gewässern[4] die Stirn zu bieten zu wollen. Das war auch die Meinung von Mister Harry Thomas Atkins, (unseres Lotsen aus Deal).

 


[1] [2] gemeint ist die Reede The Downs vor Deal

[3] In der südostenglischen Grafschaft Kent

[4] in der niederländischen Übersetzung (Elsevier) wird darauf hingewiesen, dass die "gefürchtete Gegend übersät mit Sandbänken und Untiefen" sei.